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Naturschutz – Krise oder Zukunft?

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Im Rahmen der Vortragsreihe Food for Thought wurde wieder diskutiert: Naturschutz - Krise oder Zukunft? Diese Frage stand im Mittelpunk der Podiumsdiskussion mit Josef Reichholf und Walter Hödl. Gemeinsam mit 180 TeilnehmerInnen  wurde die Sinnhaftigkeit des aktuellen Naturschutzkonzeptes hinterfragt und ergründet, wie erfolgreiche Naturschutzbildung funktionieren könne.

Food for Thought Vor-, Nach- und Querdenken zur Nachhaltigkeit machte am 20. November den Naturschutz zum Thema." Naturschutz - Krise oder Zukunft" veranlasste 180 Personen dazu, in den Galeriesaal des Naturhisorischen Museums in Wien zu kommen und in "animalischem Ambiente" mitzudiskutieren. Moderiert wurde die Veranstaltung von Monica Lieschke vom FORUM Umweltbildung.

Artensterben ist wie Russisches Roulette

Peter Iwaniewicz (Lebensministerium), der den Abend eröffnete, wies darauf hin, dass Naturschutz unter anderem sowohl Artenschutz als auch Landschaftsschutz bedeutet. Die österreichische Landschaft, wie wir sie kennen, würde ohne Kulturlandschaftspflegemaßnahmen völlig anders aussehen: Sie würde verbuschen. Außerdem merkte er an, dass wir Menschen Arten gerne in „gut“ und „böse“ einteilen (siehe „Unkräuter“ vs. „Ackerwildkräuter“). Wie ein Zitat von Paul R. Ehrlich, Professor für Biologie in Stanford, unterlegt, sei es jedoch unmöglich, die Folgen des Verschwindens einer bestimmten Art einzuschätzen – egal, ob „gut“ oder „böse“: „Artensterben ist wie Russisches Roulette: Jede Art, die ohne schwerwiegende Folgen ausgerottet wird, entspricht einer leeren Revolverkammer. Aber wie sollen wir das wissen, bevor wir abdrücken?“

Die Natur kennt keine politischen Grenzen

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Josef H. Reichholf, der bekannte Zoologe und Ökologe, wies in seinem Vortrag, in dem er insbesondere auch auf die Lage des Naturschutzes in seinem Heimatland Bayern einging, darauf hin, dass das bisherige Naturschutzkonzept überholt sei. Jedes Bundesland verfolge sein eigenes Naturschutzgesetz, jedoch halte sich die Natur nicht an politische Grenzen. Österreich sei kein Ökosystem und Bayern kein biogeografischer Bezugsraum. Doch wie muss sich der Naturschutz weiterentwickeln? Warum gibt es trotz Naturschutz immer noch steigendes Artensterben?

Die neue Lage: Ödes Land – Vielfalt in der Stadt?

Reichholf nannte in seinem Vortrag die wichtigsten Gründe für den rasanten Artenverlust, der trotz Naturschutzmaßnahmen weiter zunimmt: Im Zuge von Flurbereinigungsmaßnahmen (= landwirtschaftliche Neuordnung) wurden durch die Zusammenlegung kleinflächiger Strukturen maschinell und kostengünstiger zu bearbeitende großflächige Äcker geschaffen. Vielschichtige Landschaftselemente wie Hecken, Baumgruppen etc., welche als Trittsteinbiotope fungieren, mussten weichen. Im Gegensatz dazu wurden die Städte artenreicher: Gärten, Parkanlagen und Stadtränder beherbergen aufgrund ihrer höheren Strukturvielfalt mittlerweile eine oftmals größere Artenvielfalt – z.B. bei Schmetterlingen oder Vögeln – als die Flur in ländlichen Gebieten. Eine weitere Bedrohung der Vielfalt sei, so Reichholf, die Überdüngung der landwirtschaftlichen Flächen, der „Erstickstoff“. Die Beigabe von Unmengen an Düngemitteln führe zum Riesenwuchs von z.B. Maispflanzen. Ein gelbes Meer an Löwenzahnblüten sei laut Reichholf ein eindeutiger Indikator für Überdüngung – vormals bunte, artenreiche Wiesen weichen einfältigen Flächen, auf denen nur wenige Spezialisten mit dem Überangebot an Nährstoffen zurechtkommen. Überdüngung bedinge außerdem eine Vegetationsverdichtung und damit eine Abkühlung des bodennahen Mikroklimas. Für viele wärmeliebende Rote-Liste-Arten verschwinden so wichtige Lebensräume.

Naturschutz ja, aber mit Köpfchen!

Neben der Landwirtschaft sind auch der Wasserbau, Siedlungsmaßnahmen, Verkehr, Industrie und hin und wieder auch der Naturschutz selbst Verursacher der Artengefährdung. So sind z.B. einige Arten wie etwa der Enzian gefährdet, der zwar als Trittrasenbewohner auf vormals beweideten Flächen gedeihen konnte, jetzt jedoch auf so mancher geschützten Fläche von anderen Arten verdrängt wird, da keine Weidetiere mehr grasen und auch das Betreten durch den Menschen oftmals untersagt ist. Beim Naturschutz gelte es somit stets zu beachten, dass Natur kein statisches, sondern ein überaus dynamisches System ist – bestimmte Lebensräume zu schützen und dabei einfach sich selbst zu überlassen, reicht daher nicht immer aus, um die Artenvielfalt zu erhalten.

Eigene Flächen und Zentripedalkräfte für den Naturschutz

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Im anschließenden Vortrag betonte Walter Hödl vom Department für Evolutionsbiologie der Universität Wien, wie wichtig es für die Stellung des Naturschutzes wäre, das Erleben von Natur in der Natur wieder zu erlernen. In der universitären Forschung rücke die Beschäftigung mit Tieren und Pflanzen als solche immer weiter in den Hintergrund und mache abstrakten, systemtheoretischen Auseinandersetzungen und Studien auf mikrobiologischer Ebene Platz. Noch dazu scheitern in Österreich viele notwendigen Forschungen im Bereich Naturschutz an nicht vorhandenen Fördergeldern. Laut Hödl brauche der Naturschutz und dessen Erforschung eigene Flächen, auf denen auch Naturbildung für die Bevölkerung ohne Betretungsverbote stattfinden sollte. Außerdem sei eine übergeordnete institutionalisierte Interessensvertretung aller Naturschutzorganisationen – eine Art Ökoszialpartnerschaft – ein Ziel, das es unbedingt zu verfolgen gäbe um die Zentripedalkräfte für den Naturschutz zu bündeln.

Naturschutz & Welternährung

Naturschutz werde immer mehr zum Ernährungsthema, so Hödl weiters. Deutschland führe jährlich vier Millionen Tonnen Soja ein, Österreich 640.000 Tonnen. Europas Stallvieh fresse somit die Tropenwälder auf, die zu den artenreichsten Gebieten der Welt gehören und gerodet werden, um Flächen für den Sojaanbau zu schaffen. Diesem Problem könne nur begegnet werden, indem wir möglichst wenige Fremdmittel konsumieren und hauptsächlich Produkte aus unmittelbarer Umgebung kaufen.

Interessiertes Publikum

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Im Anschluss an die Vorträge von Reichholf und Hödl brachten sich auch die zahlreich erschienenen ZuhörerInnen mit regem Interesse in die Diskussion mit ein. U. a. wurde festgestellt, dass Naturschutz auch immer mehr zu einem Energiethema wird. Die Bereitstellung von Biomasse zur so genannten „grünen“ Energieerzeugung sei ein Mitverursacher des Struktur- und Artenverlustes. Da auch viele andere alternative Energieformen, z. B. Windenergie und Wasserkraft, keine dauerhaften und dem Naturschutz dienenden Lösungen seien, könne das Ziel nur lauten, unseren Energieverbrauch zu minimieren, so Walter Hödl.

Eine weitere brennende Frage seitens des Publikums war jene nach Möglichkeiten zur erfolgreichen Kommunikation von Naturschutzanliegen in der Öffentlichkeit. Reichholf und Hödl waren sich in ihrer Antwort einig: Einerseits gelte es, Emotionen für die Natur (wieder) zu erwecken, andererseits jedoch sei es ausschlaggebend, ein „Zurück zur Natur“ anzupreisen, das nicht „altvaterisch“, sondern modern und zeitgemäß sei. Nur so könne die wichtige Zielgruppe der jungen Menschen erreicht werden.

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„Naturschutz – Krise oder Zukunft?“ Eine Frage, die auch an diesem Abend nicht einfach zu beantworten war. Viel Positives, aber auch viel Fragwürdiges ist bisher in Sachen Naturschutz passiert. Miteinander statt gegeneinander, Zentripedalkraft statt Zentrifugalkraft lautet ein wesentlicher Konsens dieser Veranstaltung: Um auch in Zukunft erfolgreich die Natur mit all ihren Arten, Lebensräumen und Ausprägungen zu schützen, bedarf es zweifellos der – länderübergreifenden und profitorientierte Interessen hintanstellenden – gebündelten Kräfte von Forschung, Politik und Öffentlichkeit.

Jasmin Rouhani & Stefanie Schabhüttl

Zum Weiterschauen

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Zum Weiterlesen

Josef H. Reichholf
Naturschutz: Krise und Zukunft.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 169 S., EUR 10,-
ISBN: 978-3-518-26031-9


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