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Mobile Food: Auf dem Weg zu mehr Ernährungssouveränität?

© Annie Mole_flickr_CC BY 2.0

Die FORUM-Vortragsreihe "Food for Thought - Vor-, Nach- und Querdenken zur Nachhaltigkeit" beschäftigte sich mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Ernährung.

Im Bio-Lokal St. Joseph – dem passenden Ambiente – veranstaltete das FORUM Umweltbildung am 13. Juni im Rahmen der Vortragsreihe „Food for Thought“ eine Podiumsdiskussion zum Thema Ernährung. Es diskutierten Peter Lassnig (Gärtnerhof Ochsenherz), Othmar Holzinger (Naturkostladen und Restaurant St. Josef) und Martina Kaller-Dietrich (Professorin für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Ernährung und Autorin des Buches „Essen unterwegs. Eine kleine Globalgeschichte von Mobilität und Wandel am Teller“) gemeinsam mit dem Publikum die Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Ernährung.

Zunächst skizzierte die Historikerin Martina Kaller-Dietrich einige geschichtliche Aspekte unserer heutigen Ernährung: Der Austausch von Saatgut und Lebensmitteln ist in Europa ein langer historischer Prozess, jedoch erst durch die Kolonialisierung der Amerikas wurde der Speiseplan der EuropäerInnen um – heute selbstverständliche – Gemüsesorten erweitert: „Tomaten, Kürbisse, Bohnen etc. sind alles amerikanische Pflanzen, die zu Weltwirtschaftspflanzen geworden sind,“ so Kaller-Dietrich.

Die „Hot-Dog-Connection"

Martina Kaller-Dietrich bei „Mobile Food“, 13.06.2012, © FORUM Umweltbildung

Anhand des Beispiels Fleisch zeigte Kaller-Dietrich, welche Mechanismen hinter dem kapitalistischen, globalisierten und damit mobilen Umgang mit Lebensmitteln stecken: Im 19. Jahrhundert entstand in den USA und Südamerika die Fleischproduktion, bei der zum ersten Mal domestizierte Tiere in großem Stil mit ursprünglich für Menschen bestimmter Nahrung gefüttert wurden. Kaller-Dietrich: „Durch die Kombination von Maisanbau und Viehhaltung ist ein vollkommen neues Format von Nahrungsmittelindustrie entstanden, bei dem sowohl mechanisierte Abläufe, als auch Verpackung, Vertrieb und Zerkleinerung von Nahrung industrialisiert wurden.“ Dazu zählen auch die Entwicklung des Fließbandes und die Weiterverarbeitung von Fleisch in Form von Suppenwürfeln und Würstchen. Zwei Einwanderer aus Österreich-Ungarn etablierten in den USA das Würstel als Symbol für mobiles Essen: leicht transportierbar, lang haltbar und zur Verköstigung von Massen geeignet – die „Hot-Dog-Connection“.

Es geht auch anders: In Kreisläufen denken

Heute sind die Folgen der Lebensmittelproduktion in Massen für Mensch, Tier und Natur (wie schlechte Qualität der Lebensmittel, Abhängigkeit von großen Konzernen, nicht artgerechte Tierhaltung, Zerstörung der Böden durch Monokulturen etc.) weithin sichtbar und bekannt.
Wie aber kann so produziert und konsumiert werden, dass diese Konsequenzen vermindert oder gar umgangen werden?

Peter Lassnig bei „Mobile Food“, 13.06.2012, © FORUM Umweltbildung

Von einer Alternative erzählte Peter Lassnig, der 2002 den biologisch-dynamischen Gärtnerhof Ochsenherz in Gänserndorf gründete. Seine Motivation beschreibt er so: „Ein ganz wesentliches Thema war für uns, den Betrieb so zu führen, dass Kreisläufe  geschlossen werden. Ein Kreislauf, der ganz zentral ist, ist der Kreislauf von Produktion und Re-Produktion: Also Gemüse anzubauen und zu ernten, aber darüber hinaus auch Pflanzen bis zur Samenreife zu bringen, die Sorten also in ihrem ganzen Lebenszyklus zu betreuen. Damit ist auch erst ein Bewusstsein dafür entstanden, dass das ursprünglich etwas ganz Selbstverständliches und Notwendiges für Betriebe war“. Diese Kreisläufe sind in den letzten fünfzig bis hundert Jahren unterbrochen worden, indem sich Betriebe immer mehr auf einzelne Teile des Kreislaufs spezialisiert haben.

CSA: Alternative zum globalisierten Lebensmittelmarkt

Im Jahr 2009 ging das Team des Gärtnerhofs noch einen Schritt weiter und entschied sich für CSA – Community Supported Agriculture. Bei diesem Konzept werden KonsumentInnen zu WirtschaftspartnerInnen des Betriebes und finanzieren die Kosten des Gemüseanbaues für jeweils ein Jahr. Sie erhalten dafür qualitätsvolle, erntefrische Nahrungsmittel, tragen aber auch das Risiko von Ernteausfällen (z.B. durch Unwetter, Schädlinge) mit. Ohne den ökonomischen Druck, die Lebensmittelproduktion von Marktzwängen mit steuern zu lassen, kann die Landwirtschaft nach ökologischen Kriterien, nach einem Prinzip von Qualität und Vielfalt betrieben werden. „Es ist möglich, sich von der Relation Produkt-Preis zu trennen. Wir können jetzt losgelöst produzieren von Überlegungen wie: Welches Produkt bringt dem Betrieb mehr Profit? Wir können uns konzentrieren auf die Frage: Was ist notwendig anzubauen, um diesen Personenkreis möglichst gut mit Lebensmitteln zu versorgen?“ erklärte Lassnig das Konzept.

Erfahrungen aus der Gastronomie

Othmar Holzinger bei „Mobile Food“, 13.06.2012, © FORUM Umweltbildung

Zuletzt erzählte der Hausherr Othmar Holzinger vom Naturkostladen und Restaurant St. Josef die Geschichte seines Betriebs, der 1988 als einer der ersten Bioläden und Biorestaurants in Wien eröffnet wurde. Anhand der Entstehungsgeschichte wurde auch ein gesellschaftlicher Wandel sichtbar: „Einfacher war am Anfang, dass es weniger Angebot gegeben hat, dadurch war es auch leichter zu bestellen. Mittlerweile ist es so, dass wir alles kriegen und wir fragen uns, ob es gut ist, zu jeder Jahreszeit alles anzubieten. Wir haben geglaubt das ist die Entscheidung des Kunden, mittlerweile glaube ich, dass es auch unsere Entscheidung ist,“ stellt Holzinger fest. Der Markt ist aus seiner Sicht so stark gewachsen, dass er heute die Lieferanten der Bio-Lebensmittel nicht mehr persönlich kennt. Zu seiner Kundschaft zählt er nicht eine spezielle Klientel: „Wir haben es geschafft, dass zu uns in der Früh die Mistkübler und Kanalräumer kommen, dann Postbeamte, später am Tag auch Architekten und Ärzte“ – also sehr divers und nicht nur gut Verdienende. Auf die viel diskutierte Frage der Leistbarkeit von Bioprodukten entgegnet Holzinger: „Auch wenn man wenig Geld hat kann man biologisch einkaufen. Aber man muss anders einkaufen: Man braucht mehr Zeit und man muss mehr zu Hause machen, d.h. man muss kochen. Es ist möglich.“

Bio-Lebensmittel: Nische oder Richtungswandel?

Obwohl beide Podiumsdiskutanten sich alternative Wege gesucht haben, sind sie dennoch weiterhin marktwirtschaftlichen Strukturen unterworfen, da auch sie sich ja finanzieren müssen. Peter Lassnig begreift sein Projekt aber dennoch als einen Schritt hin zu einem größeren Wandel: „Ich sehe das für unseren Betrieb so, dass das ein Schritt raus ist aus dem profitorientierten Wirtschaftssystem, es geht ein Stück in Richtung Versorgung. Ich sehe auch, dass das etwas mit dem persönlichen Kontakt zu tun hat, den wir mit den Menschen haben, die unser Gemüse beziehen. Das schafft eine andere Situation, als bei einem Produzenten der für den Handel produziert und keinen Kontakt zum Endkunden hat. Wenn das primäre Kriterium ertragreiches Wirtschaften ist, fragt niemand zuletzt, wie angebaut wurde. Und so geht der Trend dahin, die natürlichen Ressourcen zu belasten und Raubbau zu betreiben.“
Wie können nun solche Initiativen aus dem Schattendasein heraus als Vorbilder für einen größeren Richtungswandel dienen?

Holzinger glaubt, dass gegenwärtig eine Veränderung von Landwirtschaft, Handel und Gastronomie auf nachhaltiger Basis eher möglich ist, als vor 25 Jahren: „Ich glaube, dass es jetzt mehr Menschen gibt, die den Geist dafür haben. Das geht aber immer nur mit einer Gruppe von Menschen.“
Auch Martina Kaller-Dietrich ist der Überzeugung, dass die Entscheidung, anders zu wirtschaften und auch sein Geld anders zu beziehen, zu einer radikalen – auch gesellschaftlichen – Änderung führt. Hinzu kommt für sie, dass das vage gesellschaftliche Gefühl der Krise strukturelle Veränderungen momentan zusätzlich begünstigen kann und im Endeffekt zu mehr Souveränität des Einzelnen führt.

Sophia Garczyk


Buch:
Martina Kaller-Dietrich: Essen unterwegs. Eine kleine Globalgeschichte von Mobilität und Wandel am Teller. Verlag Bibliothek der Provinz, Linz 2011.
168 S., EUR 20,-
ISBN 978-3-99028-000-3

Nachlese und Broschüre

Coverbild der Broschüre © FORUM Umweltbildung

Die Auszeichnung „Bildung für nachhaltige Entwicklung – BEST OF AUSTRIA“ wurde heuer an 15 herausragende Projekte vergeben. Lesen Sie alles zur Vernetzungs- und Auszeichnungsveranstaltung in unserer Nachlese und blättern Sie durch die Broschüre mit allen Projekteinreichungen 2018!

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