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Do it yourself – reloaded?!

Foto: Thomas Siepmann, pixelio.de

Das FORUM Umweltbildung lud am 13. Dezember 2012 in den KunstRaum Sonnensegel, um im Rahmen der Vortragsreihe „Food for Thought: Vor-, Nach- und Querdenken zur Nachhaltigkeit“ über die Kultur des Selbermachens und die Chancen für mehr Nachhaltigkeit in Produktion und Konsum zu diskutieren. Corinna Vosse und Hans Holzinger zeichneten ein kritisches Bild des Phänomens „DIY“ (Do it yourself) und setzten es in Beziehung zu Thema Nummer 1 der Vorweihnachtszeit: Konsum.

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Einführend zu den Vorträgen und der Diskussion mit den BesucherInnen streifte Peter Iwaniewicz, Lebensministerium, u.a. Bereiche wie die Ethik hinter der Kunst des Selbermachens. Durch Selbermachen könne man ein Handwerk erlernen und so wieder mehr Kontrolle über das Leben erhalten. Es gehe nicht um die Produkte selbst, sondern das Zurückerobern der eigenen Kompetenz. Bereits in der Bibel wurde festgehalten, ein Mensch müsse drei Dinge tun: ein Haus bauen, ein Kind zeugen und einen Baum pflanzen. – Übertragen auf das 21. Jahrhundert könnte das heißen: die Raten für ein Haus zahlen, eine Tagesmutter finden und die Zimmerpflanzen gießen. – Der amerikanische Philosoph Alan Watts kritisierte in den 1960er Jahren: Das Erziehungssystem würde nichts bieten zur Vermittlung materieller Kompetenzen sondern nur abstrakte Inhalte. „Wir lernen weder zu kochen, Kleidung zu nähen, ein Haus zu bauen, uns zu lieben noch andere elementare Dinge des Lebens. Die Schulbildung unserer Kinder (…) erzieht zu Groß- und Einzelhändlern, zu Verwaltungsangestellten oder zu anderen verkopften Gestalten.“ (Alan Watts). Bis zum heutigen Tag vollziehe sich eine Wende vom Handwerken zur Serienproduktion, wodurch es kaum noch ProfessionistInnen, sondern nur noch Hilfskräfte gäbe.
Iwaniewicz meinte weiter, heute würde sich auf unterschiedlichen Ebenen und beeinflusst durch verschiedene Strömungen eine neue Kultur des Selbermachens finden. Auch das Internet würde für viele Aktivitäten herangezogen werden, wie zum Beispiel Wikipedia, ein Lexikon des globalen Wissens, das „die Leute selber schneidern“. Dabei gehe es weit über das „Zusammenschrauben von Ikea-Regalen hinaus“.

Selbermachen als Eigenarbeit, Handwerk und Subsistenz

 

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Corinna Vosse, freiberufliche Wissenschafterin in den Bereichen Kulturentwicklung, Nachhaltigkeitsforschung und Heterodox Economics, hat die Ergebnisse ihrer empirischen Forschung (2011, Graz) vorgestellt. Im Rahmen ihrer Forschung hat sie auch die Relevanz des Selbermachens untersucht. Von Beobachtungen im Alltag ausgehend formulierte sie ihre These „Selbermachen als gesellschaftliche Praxis ist relevant für nachhaltigen Konsum“. Der Umgang mit Materialien fördere einen kritischen Blick nach außen auf gesellschaftliche Strukturen. Sie sieht im Phänomen „Selbermachen“ oder „DIY“ drei verschiedenen Ausrichtungen: Eigenarbeit (Selbstbestimmung von Zeit, Organisation, Ziel und Produkt), Handwerk (Selbermachen als Verbindung von dem was Kopf und Hand tun bzw. von Entwerfen und Umsetzen) und Subsistenz (eigene Versorgung).
Aus ökonomischer Perspektive filtert sie vier Aspekte des DIY heraus: Einerseits entstehe Klarheit, wie etwas produziert wird. Potentiale auf lokaler Ebene würden aktiviert, sich Wissen anzueignen und Praktiken zu lernen als Grundlage für ökonomische Regionalisierung. Des Weiteren fände ein aktiver Austausch mit der Umwelt statt, sowohl der KonsumentInnen als auch der ProduzentInnen (als aktiver Teil von Ökonomie). Die intrinsische Motivation liege darin, dass der Fokus auf Materielles an Bedeutung verlöre und die Aktivität des Machens eine größere Rolle spiele.

Selbermachen reicht von Stilbewusstsein bis zu Aktivismus

Corinna Vosse definierte fünf Typen von SelbermacherInnen, deren zentrale Motive im Grad der sozialen Innovation und Eigenbedarfsdeckung variieren: Für PerfektionistInnen und Stilbewusste stehe die eigene Ästhetik im Vordergrund, Traditionelle würden ihre bereits als Kinder erlernte Alltagspraxis weiterführen, IdealistInnen und AktivistInnen seien überzeugt, einen „Weg in eine bessere nachhaltige Welt“ zu beschreiten, LebenskünstlerInnen würden Selbermachen nutzen, um monetäre Ausgaben zu reduzieren, und Besorgte würden sich Gesundheitsvorteile und Prävention erwarten.
Es wirken jedoch mehr als die zwei Faktoren „soziale Innovation“ und „Eigenbedarfsdeckung“ auf DIY, woraus sich unterschiedliche Problematiken ergeben: Einerseits bestehe die Gefahr der Romantisierung von Handarbeit. DIY sei selbst meist produktorientiert und nutze Angebote des Konsumwarenmarktes, der Geräte und Materialien bereithält, oder stelle „nur“ eine Imitation dar von marktorientiertem Konsum durch beispielsweise vorgefertigte „individuelle Bastelkästen“. Beim Heranziehen des Internets fehle oft das Bewusstsein, dass dieses ebenso wenig „umsonst“ im Ressourcen- und Energieverbrauch sei. Die Konstruktion grüner Identitäten (z.B. LOHAS - Lifestyles of Health and Sustainability) sei zudem problematisch, da diese oftmals durch widersprüchliche Aktivitäten einen großen ökologischen Fußabdruck hinterlassen würden.

Selbermachen als Wegbereiter für nachhaltigen Konsum

Zwei Dimensionen von DIY wurden von Corinna Vosse hervorgehoben: Einerseits würden sich durch den Umgang mit materiellen Ressourcen und Erfahrungen die eigenen Bedürfnisse und das Verhältnis zum Markt und Produkten verändern, was wiederum auf das eigene Verständnis von Ökonomie wirke. Andererseits nehme DIY Einfluss auf Strukturen – SelbermacherInnen ließen sich auf „andere“ Konsumformen ein, wie beispielsweise „nutzen statt besitzen“. Strukturen des nachhaltigen Konsums und der nachhaltigen Produktion würden so gestärkt und ermöglicht.
Als „andere Konsumformen“ nennt Vosse u.a. Teilen, lokales Wirtschaften oder weniger Materialbesitz; Beispiele wie ein „Nachbarschaftsauto“ oder die App „Foodsharing“ zeigen, dass diese Thematik vielerorts bereits kreative Lösungswege ermöglicht.
Grundlagen für alternative Konsumformen und DIY seien, dass Besitz und Verfügungsrecht nicht mehr vorrangig seien, sowie die Weitergabe von Wissen.

„Gibt es ein Leben nach der Arbeit?“

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Provokant startete Hans Holzinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, seine Ausführungen. Seiner Meinung nach müsse DIY neu belebt werden, es bräuchte andere Zeitstrukturen sowie einen veränderten Begriff von Arbeit.
Er definierte acht Dimensionen von Wohlstand, die das Tätigsein in Zusammenhang mit dem Zugang zu Gütern, Ernährung, Zeitressourcen, Raumqualität und Zugang zu Natur sowie Beziehungen setzt. Der Tätigkeitswohlstand schließe hierbei Zeit und Möglichkeiten für Tätigkeiten wie Erwerbsarbeit, Hausarbeit, Nachbarschaftsarbeit und DIY mit ein. Die Dimensionen Informationswohlstand und Demokratiewohlstand seien vorrangig nur auf politischer Ebene zu bearbeiten.

Selbermachen bietet Chancen für neue Nischen und AkteurInnen

Die Chancen von DIY sieht Holzinger im Erleben von sinnvoller Arbeit, im Herstellen des Bezugs zu Dingen sowie im Bezug zur Herstellung und Ressourcen. SelbermacherInnen würden befähigt werden, ihr Konsummodell zu hinterfragen und Gemeinschaftserfahrungen zu sammeln.
Menschen in Knappheit seien angewiesen auf neue Formen des Wirtschaftens, der Produktion und des Konsums. So gesehen böte DIY Chancen für neue Nischen und AkteurInnen in unterschiedlichen Bereichen: Ernährung und die Frage des Selberkochens stünden im Gegensatz zur leichten und schnellen Zugänglichkeit von sogenanntem „Convenience Food“. Im Bereich Energie ist Holzinger zuversichtlich, dass sie für den Eigengebrauch selbst produziert werden kann. Wissen und die Weitergabe von Wissen seien bereits durch den Buchdruck erleichtert worden; neuere Formen, die v.a. das Internet ermöglichten, würden neue Probleme verursachen, wie z.B. den enormen Energieverbrauch und die Erzeugung von Beliebigkeit. Die Qualität des Wissens würde uns in Zeiten von Informationsüberfluss vor neue Herausforderungen stellen. Im Bereich Handwerk würden unterschiedliche Formen wieder zurückkehren: als Hobby, nicht als Notwendigkeit.
Neue Verfahren, meist Computer- und Internetunterstützt, zeigten neue Facetten des DIY. Holzinger nennt den Bereich „Fabbing“: Neues wird produziert, das am Computer entworfen per Knopfdruck auf einem „3D-Drucker“ hergestellt wird. Dies werde bereits in der Architektur angewandt; große Hoffnungen setze die Medizin auf dieses Verfahren.

Jede/r könne etwas tun. Es brauche jedoch Change Agents, PionierInnen des Selbermachens, die als Vorbilder agieren.
Hans Holzinger sieht zahlreiche Gefahren, die u.a. durch das Entstehen einer Beliebigkeit und Gewissensberuhigung definiert seien. Als Beispiel nennt er das „Mallorca-Marmelade-Phänomen“: Mit dem Flugzeug angereiste Mallorca-UrlauberInnen beschweren sich aus Umweltschutzgründen, weil sie zum Frühstück in Plastik verpackte Marmelade serviert bekommen. Die Teilnahme nur durch Freiwilligkeit erziele eine zu geringe Wirkung; nur wenn alle etwas tun, kann nachhaltige Wirkung erreicht werden, dies könne lediglich über Preisgestaltung, Ge-, Ver- und Angebote reguliert werden. Des Weiteren würde eine Verantwortungsdelegation auf eine Verlagerung der Verantwortlichkeiten auf „die anderen“ BürgerInnen führen; Holzinger fordert politische Rahmenbedingungen, an die sich alle zu halten haben.

Selbermachen und Wege in die Zukunft

In Hans Holzingers Bild der Zukunft steht an erster Stelle eine veränderte Auffassung gemeinschaftlicher Ansätze durch gemeinsames nutzen, wohnen und wirtschaften (z.B. Gemeinschaftsgärten). Neue strukturelle Ansätze wie soziale Innovationen, Genossenschaften, der Ansatz der Gemeinwohlökonomie, neue Finanzierungsmodelle oder Regionalwirtschaft (v.a. in den Bereichen Ernährung und Energie) könnten eine Richtungsänderung in Richtung Postwachstum und eine Weiterentwicklung von Zeitpolitik herbeiführen. Seine Auffassung von der „Kunst des Weniger bzw. des Unterlassens“ untermauerte Vosse´s Aussage der Rücknahme von Besitz und Verfügungsrecht. Die utopische Vorstellung einer globalen Verfassung oder globaler Kontingentierungen schienen jenseits des Möglichen, dennoch dürften internationale Konferenzen nicht abgewertet werden, da sie auf nationaler Ebene Anreizsysteme bieten würden.

Selbermachen unterstützt eine Bildung für nachhaltige Entwicklung

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Sowohl Corinna Vosse als auch Hans Holzinger konstatierten: Selbermachen fördere einen kritischen Blick, steigere die Wertschätzung von Produkten und führe zu einem geänderten Konsumverhalten, obwohl, kritisch betrachtet, Selbermachen selbst Ressourcen braucht, sowohl in der Energiebereitstellung als auch Materialien und Geräte, die vom Konsumwarenmarkt bereit gestellt werden müssten. Selbermachen brauche Zeit, sich zu engagieren – dies nimmt die Zeit zu konsumieren – als auch erfordere es die Weitergabe von Wissen. Um dies zu unterstützen brauche es veränderte Strukturen, Vorbilder und Gemeinschaften.

Anna-Maria Wiesner

Zum Weiterschauen

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Zum Weiterlesen

Hans Holzinger
Neuer Wohlstand. Leben und Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten.
JBZ-Verlag, Salzburg 2012
256 S., 47 Abb., EUR 19,80
ISBN 978-3-902876-07-2

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Corinna Vosse

Dr. Corinna Vosse arbeitet freiberuflich als Wissenschafterin, Dozentin, Beraterin und Projektmanagerin. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen in den Bereichen Kulturentwicklung, Nachhaltigkeitsforschung und Heterodox Economics. Zu Konsum als gesellschaftlichem Handlungsfeld und der Bedeutung von Produktionserfahrungen für einen Wandel von Konsumpraktiken in Richtung Nachhaltigkeit hat sie 2011 am IAS-STS in Graz geforscht.
Frau Vosse ist u.a. als Geschäftsführerin für das Kultur- und Umweltbildungszentrum Kunst-Stoffe in Berlin tätig und koordiniert dort den Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung.

 

Hans Holzinger

Mag. Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Nachhaltigkeit, neue Wohlstandsmodelle, Zukunft der Arbeit und sozialen Sicherung, globale Gerechtigkeit. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift „pro Zukunft“. 2012 ist sein Buch „Neuer Wohlstand. Leben und Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten“ erschienen.

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