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Selbstzerstörende Prophezeiungen

Interview Dennis Meadows © Michael Schöppl / FORUM Umweltbildung
© Michael Schöppl / FORUM Umweltbildung

Der amerikanische Ökonom Dennis Meadows gilt spätestens seit dem Bestseller Die Grenzen des Wachstums als einer der wichtigsten Denker im Nachhaltigkeitsdiskurs. Dass seine Berechnungen über den Klimawandel, seine Folgen und unsere Welt so schnell Realität werden könnten, überraschte aber selbst den ausgewiesenen Pessimisten Meadows. Was uns alle retten könnte: Resilienz!

Ein Auszug aus dem aktuellen Jahrbuch BNE

Ist Resilienz nicht wieder nur ein weiteres Modewort, wie auch alle anderen Modeworte, die wir in den Medien so gerne verwenden, oder erleichtert es die Kommunikation des Themas?

Meadows: Es wird eigentlich erst jetzt langsam zu einem Modewort. Wenn Sie die Begriffe Nachhaltigkeit und Resilienz googeln, können Sie klar erkennen, wie der Begriff Resilienz immer bedeutender wird. Das Problem mit der Resilienz ist, dass im Diskurs das Wort rein in seiner technischen Bedeutung verwendet wird. Eigentlich sollte man aber auch feststellen können, ob es sich zum Beispiel bei einem Gesetz um eine resiliente politische Entscheidung handelt oder nicht. Für das Wort Nachhaltigkeit ist es bereits zu spät. Es ist ein Modewort geworden und kann in den unterschiedlichsten Bedeutungen verwendet werden, um alles zu rechtfertigen. Selbst wenn man alle nicht nachhaltigen politischen Entscheidungen verhindern könnte, würde uns das noch kein nachhaltiges System garantieren. Durch globale Abhängigkeiten, unsere Finanz- und Informationssysteme, den Tourismus, usw. sind Schocks viel wahrscheinlicher und sie werden größer sein und auch größere Konsequenzen nach sich ziehen. Deshalb brauchen wir Resilienz. In der Klimadebatte kann man diesen Paradigmenwechsel bereits beobachten. Die Menschen reden nicht mehr über Vermeidungsstrategien, sondern sie beginnen sich über Anpassungsfähigkeit zu unterhalten. Und das ist eigentlich auch nur ein anderes Wort für Resilienz.

Wie kam es eigentlich, dass ihre Vorhersagen mit Ihrem wohl bekanntesten Buch "The limits to growth" so präzise waren?

Meadows: Sie waren aus vielerlei Gründen eigentlich überhaupt nicht präzise. Wenn man ein exponentielles Wachstum hat, kommt der Wechsel so schnell, dass es keine Rolle spielt wo das Limit genau ist, es macht statistisch gesehen kaum einen Unterschied. Das haben wir auch damals im Buch bereits betont. Man muss nicht so präzise sein, wenn man es mit etwas zu tun hat, das so schnell wächst. Unser Modell beinhaltete außerdem nur eine Welt ohne Faktoren wie Militär, Politik oder Energie. Gerade Energie wird jedoch ein entscheidender Faktor für alle zukünftigen Entwicklungen sein. Wir konnten mit unserer Arbeit eine generelle Tendenz aufzeigen, aber bei weitem nicht präzise vorhersagen wie es in einem bestimmten Teil der Erde zu einem bestimmten Zeitpunkt aussehen wird.

Die erste Ausgabe von 1972 erwähnte Klimawandel nur ein einziges Mal und da auch nur als theoretische Möglichkeit. Wir beschrieben die CO2-Kurve weil wir sicher waren, dass die LeserInnen daran interessiert sein könnten. Unser zweites Buch erwähnte den Klimawandel ungefähr sieben Mal und die aktuelle dritte Version ungefähr 20 Mal. Wir haben inzwischen einfach ein besseres Verständnis davon wie der Klimawandel funktioniert und passiert. Aber die eigentlichen Vorhersagen waren absichtlich sehr unpräzise. Wir wollten selbstzerstörende Prophezeiungen erschaffen. Wenn ich Ihnen zum Beispiel erkläre, dass Sie von einem Auto überfahren werden sobald Sie über die Straße gehen, dann werden Sie hoffentlich nicht über die Straße gehen. Damit habe ich eine selbstzerstörende Prophezeiung erzeugt. Ich will nicht dass das wahr wird und genau das war unser Plan mit The limits to growth.

Warum gibt es denn überhaupt keinen positiven Spin, wenn es um den Klimawandel geht? Warum ist das mediale Narrativ immer nur Katastrophe und das Ende der Welt, wie wir sie kennen?

Meadows: Ich sollte im November 2016 auf einer Konferenz in Berlin eine Eröffnungsrede halten und die Veranstalter haben mir erklärt, dass der Titel "Have we learned, will we?" wäre. Das ist doch komisch! Wir behandeln den Klimawandel so als ob es zwei Gruppen von Menschen gäbe. Die einen, die alles verstehen und die anderen, die überhaupt nichts verstehen. Die Herangehensweise ist quasi immer gleich. Man muss denjenigen die nicht verstehen, einfach nur genug Informationen geben, dann werden sie die richtigen Handlungen setzen. Aber eigentlich gibt es vier Gruppen von Menschen. Manche verstehen den Klimawandel, manche nicht und manche scheren sich darum, manche nicht. Viele verstehen die Auswirkungen des Klimawandels, aber es ist ihnen egal weil sie denken, dass es ohnehin erst viel später passieren wird. Jetzt und hier können sie aber reich oder berühmt werden, Macht haben oder einfach damit weitermachen worauf auch immer sie Lust haben. Wenn wir also die Sache weiterhin wie einen simplen Mangel an Information behandeln, dann können wir nicht gewinnen. Wir müssen die Kultur verändern. Es muss absolut inakzeptabel werden jetzt etwas zu tun, was Probleme für zukünftige Generationen schafft.

Das komplette Interview mit Dennis Meadows könnt ihr in der aktuellen Ausgabe des Jahrbuchs Bildung für nachhaltige Entwicklung Perspektive wechseln nachlesen.

Buchcover Jahrbuch BNE © FORUM Umweltbildung

Perspektive wechseln. Jahrbuch Bildung für nachhaltige Entwicklung
Kommunikation & Klimawandel, Ethik & Friede, BNE International, Entrepreneurship.
FORUM Umweltbildung, Wien 2018.
156 Seiten, € 10,-
ISBN 978-3-900717-92-6

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