Österreichisches Portal für Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung

Zirkus in den Bergen

Regina Recht: Alpbachtal, Breitenbach. Aus: SIGHT SEEING
Regina Recht: Alpbachtal, Breitenbach. Aus: SIGHT SEEING

Für den Reise- und Alpenjournalisten Karl Stankiewitz ist die touristische Erschließung der Alpen ein einziger Sündenfall. In einem kürzlich erschienenen Buch versucht er diese These zu erhärten.

Die Alpen sind der höchstgelegene Natur- und Kulturraum Europas. In unseren Köpfen produzieren wir dazu mitunter ein idealisiertes und romantisches Idealbild. Dieses (teilweise obskure) Konstrukt unserer Vorstellungswelt hat mit den Lebensrealitäten der AlpenbewohnerInnen aber kaum etwas gemein: In manchen Fremdenverkehrszentren ähneln diese einem großen „Zirkus“. Und Karl Stankiewitz (*1928) kennt die „Manege“: Seit 1950 ist er als Reise- und Alpenjournalist für diverse deutsche Blätter sowie Fernsehsender tätig. Sein neues Buch „Wie der Zirkus in die Berge kam. Die Alpen zwischen Idylle und Rummelplatz“ versammelt viele seiner Reportagen und Artikel. Diese reichen bis ins Jahr 1953 zurück und enden etwa um die Jahrtausendwende. Eindrucksvoll und anhand zahlreicher Beispiele schildert der Autor die Veränderung und Erschließung von Naturraum für große Winterschigebiete – einhergehend mit der „Zerstörung“ der Naturlandschaft. Manche Fehlentwicklungen seien – so Stankiewicz – derart himmelschreiend (gewesen), dass mancherorts ein Umdenkprozess eingesetzt hätte.

Event- und Erlebnistourismus boomt

Die TouristInnen, die nun schon seit geraumer Zeit in den Alpen „gemolken“ werden, bringen weit mehr Geld als es die Kühe bzw. die Landwirtschaft in vergangenen Zeiten je vermocht haben. Der Massentourismus ist heutzutage unbestritten die „Cashcow“ und finanzielle Lebensgrundlage der ansässigen Bevölkerung. Der Anteil des Wintertourismus am gesamten österreichischen Bruttoinlandsprodukt lag laut einer Studie im Jahr 2008 bei etwas mehr als 4 Prozent.

Allerdings entwickelt sich (nicht nur) der alpine Fremdenverkehr zunehmend zu einem Event- und Erlebnistourismus, denn der „Schizirkus“ genügt heute als touristisches Zugpferd nicht mehr. Die „Eventisierung“ bzw. Inszenierung des Lebens macht auch vor den Alpen nicht halt – die Show muss nicht nur weitergehen sondern auch permanent neu erfunden und gesteigert werden. Das ist de facto zwar unmöglich, funktioniert aber eine bestimmte Zeit ganz gut - bis dass dann die Grenzen des Erträglichen so lange überschritten worden sind, dass eine merkbare Gegenbewegung einsetzt.

Eindrucksvolle berufliche und persönliche Bilanz

Die im Buch geschilderten aber leider nicht wirklich chronologisch gegliederten zahlreichen Berichte stellen sich den LeserInnen als eine persönliche kritische Auseinandersetzung eines aufmerksamen Beobachters dar, wirken aber im Nachhinein zuweilen ein wenig ungeordnet und verkommen mitunter sogar zu einer bloßen Aufzählung. Die vielen Einzelbeispiele können dann ermüden und vereinfachen oftmals. Die Wirklichkeiten dieses Lebens- und Wirtschaftsraumes könnten – insbesondere im historischen und gesellschaftlichen Kontext – doch vielschichtiger dargestellt werden.

Hier die (nostalgisch verklärte?) Idylle und dort die ruinierte, betonierte und ausgebeutete Alpenwelt: Diese Stereotype greifen für eine kritische Auseinandersetzung zu kurz. In dem Buch werden zwar Alternativen („nachhaltiger, sanfter Tourismus“) anhand von einzelnen Beispielen dargestellt, „Nationalparks“ sind etwa für den Autor der „Königsweg“ für die Alpenregion. Aber irgendwo geht dann leider dem Buch der „roten Faden“ verloren.

Trotz aller (redaktionellen?) Mängel: Dieses Buch ist mit Sicherheit eine außergewöhnlich wertvolle Dokumentation, geschrieben von einem erfahrenen Autor, der schon sehr früh auch auf die Schattenseiten der massentouristischen Nutzung der Alpen hingewiesen hat. Es stellt zweifelsohne eine eindrucksvolle berufliche und persönliche Bilanz von 60 Jahren Auseinandersetzung mit dem Thema dar.

Thomas Parizek

Karl Stankiewitz (2012): Wie der Zirkus in die Berge kam. Die Alpen zwischen Idylle und Rummelplatz. oekom verlag, München. 304 S., EUR 22,95 ISBN 978-3-86581-310-7


© FORUM Umweltbildung