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Totentanz: "Körperwelten" im Naturhistorischen Museum

Koratorin Angelina Whalley mit Basketballspieler/© NHM, Kurt Kracher

200 plastinierte Körper(teile) in allen Lebens- und Todeslagen sind als Bestandteil einer Ausstellung im Naturhistorischen Museum (NHM) in Wien zu sehen. Sie lösen gemischte Gefühle aus.

Zuletzt waren die „Körperwelten“ 1999 in Wien zu Gast. Seitdem hat sich bei der Konservierung und Aufbereitung der Leichen jede Menge getan. „Die Präparate sehen heute deutlich lebendiger aus und sind im Vergleich zu früher in einer dramatischeren und lebensnaheren Situation abgebildet“, erklärt die Ärztin Angelina Whalley (im Bild oben), die Kuratorin und Ehefrau des Anatomen Gunther von Hagens („Dr. Tod“), die aufgrund der Parkinson-Erkrankung ihres Gatten mittlerweile das Institut für Plastination in Heidelberg leitet.

In allen Stellungen

Wissenschaft oder Voyeurismus? Eiskunstläufer/© NHM, Kurt Kracher

Da hängen, stehen, sitzen, tanzen und spielen sie also, die Präparate, ganz oder zerteilt, vom Fötus bis zu lebensnahen Posen: als Schispringer im Flug, als Balletttänzer beim Spitzentanz, als Bogenschützin, Basketballer oder zu einer Pokerrunde drapiert und zuletzt als kopulierendes Pärchen. Aber auch Alterserscheinungen oder Krankheitssymptome wie etwa eine kaputte Hüfte, eine Raucherlunge oder eine Gehirnblutung finden sich in den zahlreichen Vitrinen und vervollständigen das gespenstische Szenario, das mit aufklärerischem Anspruch legitimiert wird. Allerdings: Die den sezierten und präparierten Leichen applizierten Glasaugen oder die Brustwarzenimitate geben den vorgeblich wissenschaftlichen Objekten einen unterschwellig erotisch-sadistischen Touch. So gerät der behauptete „Zyklus des Lebens“ allerdings zu einem schaurigen Totentanz. Naturgemäß anders sieht das Ausstellungskuratorin Angelina Whalley. Diese Inszenierung – so meint sie – solle zur Selbsterkenntnis der Menschen beitragen: „Konfrontiert mit ihrem Innersten, nehmen sie ihren eigenen Körper nicht mehr als selbstverständlich wahr, was in einigen Fällen auch zu einem anderen, positiveren Umgang mit ihm führt“, erklärt sie und stützt sich dabei auf Besucherstudien, die rund um die bisherigen Ausstellungen durchgeführt wurden und Teil der großzügigen Bild- und Textbeigaben sind.

13.000 KörperspenderInnen vorgemerkt

Der Spitzentänzer/ © Gunther von Hagens, Inst. f. Plastination, Heidelberg

Immerhin haben die Körperwelten seit 1995 bisher weltweit mehr als 36 Millionen BesucherInnen angezogen, und selbst einmal auch zum Exponat zu werden, davon träumen viele: „Über 13.000 Körperspender sind derzeit im Programm des Heidelberger Instituts für Plastination. Wir haben so viele Interessenten, dass wir einen vorübergehenden Aufnahmestopp einführen mussten“, sagt Whalley. Einen von ihnen, einen wiener Hausmeister, begeistert einfach die Aussicht, „ästhetisch, wissenschaftlich fundiert und schön aufbereitet zu werden“. Darüber hinaus könne er so seiner Familie „die enormen Kosten eines Begräbnisses so wie die aufwendige Grabpflege ersparen“, erklärt er den JournalistInnen geflissentlich.

Auch alle 200 gezeigten Exponate stammen übrigens von Menschen, die zu Lebzeiten verfügt haben, dass ihr Körper nach dem Ableben im Rahmen der Ausstellungen gezeigt werden soll.

Kritische Stimmen

Trotz des großen Interesses werden immer wieder Stimmen laut, die den VeranstalterInnen (inklusive NHM) Pietätlosigkeit vorwerfen – so auch unlängst in der Zeitung „Der Standard“: Von „penetrantem Voyeurismus“, einer „Freakshow gehäuteter Versehrter mit Krücken und baumelndem Gemächt“, „Sensationsgier“ und „dem kühlen Prickeln des Schauders“ ist da zu lesen.

Unter der Rubrik „Forschung Spezial“ klingt es aber ebenda zwei Tage später auch schon moderater.

Das kopulierende Pärchen hat es dem Berichterstatter offenbar angetan: „Das ist gewiss voyeuristisch“, meint er selbstkritisch, „aber auch an diesen Objekten und den Begleittexten kann man durchaus noch einiges dazulernen.“ Fragt sich nur was?

Wolfgang Sorgo

KÖRPERWELTEN & Der Zyklus des Lebens
Bis 11. August im Naturhistorischen Museum Wien
Mit umfangreichem Vermittlungsprogramm
Der ausstellungsbegleitende Katalog "KÖRPERWELTEN & Der Zyklus des Lebens" ist im Museumshop um EUR 7,95 zu erwerben.
www.nhm-wien.ac.at

   

Stichwort Plastination

Der Mensch besteht zu etwa 70% aus Wasser. Es ist für das Leben, aber gleichermaßen auch für die Verwesung unverzichtbar. Das Gewebswasser wird bei der Plastination durch Reaktionskunststoffe wie Silikonkautschuk, Epoxidharz oder Polyesterharz in einem speziellen Vakuumverfahren ersetzt. Die Körperzellen und das natürliche Oberflächenrelief bleiben dabei bis in den mikroskopischen Bereich hinein identisch mit ihrem Zustand vor der Konservierung. Die Präparate sind trocken und geruchsfrei und damit im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“. Durch diese Eigenschaften haben plastinierte Präparate einen hohen Wert sowohl für die Ausbildung von Medizinstudenten als auch für die medizinische Aufklärung interessierter Laien. (Auszug aus dem Katalog "KÖRPERWELTEN - Das Original)

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