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Solidarische Ökonomie: Kongress 2013

Foto: Nyeleni Treffen 2011

Bedürfnisorientierte Produktion, die an sozialen und ökologischen Kriterien ausgerichtet ist – fernab von Logiken wie Konkurrenz, Profit und Wachstum, das meint solidarische Ökonomie. Über 1000 Menschen nahmen am zweiten Kongress zu Solidarischer Ökonomie, der von 22.-24.2.2013 an der Universität für Bodenkultur in Wien stattfand, teil.

 

Eine exakte Definition von Solidarischer Ökonomie gibt es nicht – zu vielfältig sind die Inhalte, mit denen sich dieser Begriff füllen lässt.

Netzwerkbildung ist wesentlich – je mehr Menschen sich an solidarischen Projekten beteiligen, umso leichter fällt es, weitere auf die Beine zu stellen. So lautete neben dem Aufzeigen der Vielfalt von Projekten und der Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch auch ein Ziel des Kongresses, die TeilnehmerInnen zu motivieren, in diesem Sinn aktiv zu werden: „Mit euch geht alles, ohne euch gar nichts!“

 

Über 120 Workshops, Vorträge, Diskussionsrunden und Performances

Das Kongressformat mit der Eigenheit der parallelen Workshops machte die Wahl zur Qual. Überbordend auch die Zahl der Info- und Büchertische, die Bibliothek an Zines (= selbst produzierte Texte) und einschlägiger Literatur. An dieser Stelle kann daher nur ein Einblick in eine kleine (und subjektive) Auswahl vorgestellt werden.

In einem Resümee über „Alternative und solidarische Ökonomien von den 1970er Jahren bis heute“ von Elisabeth Voss, freiberuflicher Betriebswirtin und Publizistin, wurde deutlich, dass sich an den Themen, den Anliegen und der Motivation seit damals nicht viel geändert hat. Damals wie heute wird versucht, in Gruppen gegen den Individualisierungszwang anzukämpfen, werden Genossenschaften und Belegschaftsbetriebe gegründet, Kommunen am Land und Mitmach-Werkstätten in Städten gebildet. Ihrer Meinung nach scheitern Projekte eher am Umgang der Menschen untereinander als an fehlenden finanziellen Mitteln. Elisabeth Voss plädiert dafür, nicht zu versuchen, perfekt zu sein und wünscht sich „good-practice-“ anstelle von „best-practice-Beispielen“.

Wissenschaft und Solidarität


Im Vortrag von Dr. Gerhard Senft, Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Wirtschaftsuniversität Wien, zu „Landkonflikten und dem Diskurs über Bodeneigentum in der Moderne“ wurden die ZuhörerInnen auf eine spannende Reise geführt – von den Anfängen des Großgrundbesitzes und den Kämpfen um Verfügungsrechte von Land, über Beginn der Geldwirtschaft und der Expansion der Märkte, zu Bodenreformen, Revolutionen und Siedlungsbewegungen sowie zu gegenwärtigen Phänomenen wie Land Grabbing und Agrotreibstoffen. Parallel dazu wurden die theoretischen Diskurse und vorherrschenden Denkschulen der (Wirtschafts-)Philosophie und Politik vorgestellt. Dabei wurde deutlich, dass die Ressource Boden immer wieder neu zwischen Privateigentum, öffentlichem und gemeinschaftlichem Gut verhandelt wurde und wird.

Im WissenschafterInnentreffen trat einerseits der Wunsch nach wissenschaftlicher Aufarbeitung der Inhalte von Solidarökonomie zutage, andererseits versuchte man/frau, Solidarökonomie zu unterstützen. Um ForschungspartnerInnen zu finden, aber auch für die Förderung politischer Umsetzung würde es nach Meinung einiger WissenschafterInnen helfen, eine Datenbank mit laufenden und abgeschlossenen Projekten zu führen. Ähnlich den Versuchen, solidarökonomische Projekte zu kartieren, stieß dieser Vorschlag bei einigen Projekten allerdings auf Widerstand. Um solidarökonomischen Bewegungen und Initiativen entgegenzukommen, kann Wissenschaft anbieten, mit hoher Qualitätssicherung in inter- und transdisziplinären Settings zu begleiten und zu reflektieren.

Kritische Fragen zu CSA

Andreas Exner vom EB&P Umweltbüro GmbH in Klagenfurt und der Verein CO.SY – Verein für die nicht kommerzielle Zurverfügungstellung von Ressourcen für eine kollektive und emanzipatorische Nutzung“, boten einen Workshop zum Thema „Von der CSA zum Landfreikauf“ an. Viele junge Menschen, einige in FoodCoops, manche in Community-Supported-Agriculture-Projekten (CSA) involviert, andere begeisterte GärtnerInnen ohne Land, nahmen daran teil. In einer ersten Runde wurden die Motive, sich als KonsumentIn bzw. ProduzentIn an einer CSA zu beteiligen, erhoben. Auch kritische Fragen zu CSA wurden gestellt. Im gleichen Rahmen wurde auch Privateigentum und Marktgeschehen von Grund und Boden allgemein thematisiert. Verschiedene Initiativen zum „Freikauf“ von Flächen, Höfen und Häusern gibt es bereits, zwei davon stellten sich am Kongress genauer vor: Andreas Exner´s Initniative, in der ein Verein einen Hektar Land kaufen will und ihn für nicht kommerzielle Landwirtschaft zur Verfügung stellt, und der Trägerverein CO.SY, der ebenso Flächen freikaufen, und sie damit dem Markt und der Möglichkeit zu Spekulation entziehen möchte.

Ein weiterer Workshop zu „CSA – Anspruch und Wirklichkeit“ wurde – passend zum Kongress – in Selbstorganisation durchgeführt, nachdem die Vortragenden nicht erschienen waren. Nach einigen Minuten der Orientierung und der Sammlung interessanter Diskussionspunkte hatten die TeilnehmerInnen Glück: Peter Lassnig kam zur Tür herein – er betreibt die CSA „Gemeinsam landwirtschaften“ der Gärtnerei Ochsenherz in Gänserndorf/NÖ, die erste und bekannteste CSA in Österreich. Aus Stegreif und Nähkästchen erzählte er von seinen Erfahrungen, Herausforderungen und Erfolgen.

Lastenräder stehen bereit

www.lastenradkollektiv.at

Am Sonntag stellte sich dann u.a. das Lastenradkollektiv – Verein zur Förderung muskelbetriebener Transporte in Wien und anderswo“ vor.

Inspiriert von der wachsenden Fahrradkultur in Wien rund um die Bewegung „Critical Mass“ und die Selbsthilfe-Werkstatt „bikekitchen“, sowie durch Kost-Nix-Initiativen in Deutschland wurde 2009 das Lastenradkollektiv gegründet. Verschiedene Lastenräder stehen in Wien an privaten bzw. halböffentlichen Plätzen und können gegen freie Spende ausgeliehen werden. Mit dem Geld werden weitere Räder und Anhänger beschafft, sowie der Reparaturfonds aufgefüllt.

Vom gesamten Kongress wird es eine Dokumentation in Buchform geben. Auf der Kongresswebsite dazu der Aufruf: Bitte schickt eure Beiträge, Impressionen, Fotos, Workshopmaterial und was ihr sonst noch wollt an: info(at)solidarische-oekonomie.at oder per Post an die Obere Augartenstraße 18A/3/7, 1020 Wien. 

Und es bleibt wie gehabt: Nach dem Kongress ist vor dem Kongress!

 

Theresa Heitzlhofer

 

Zum Weitersurfen

Kongresswebsite

Radiokolleg - Solidarische Ökonomie

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat Fragen aufgeworfen. Fragen nach den Ursachen und ob das gängige Wirtschaftssystem alles sei und bleiben müsse. Denn Alternativen existieren schon lange, in der Theorie wie in der Praxis.

oe1.ORF.at

 

 

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