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Nachhaltigkeit ist unverkäuflich


Nachhaltiges Handeln und ökologisch korrekte Kaufentscheidungen sind zwar nicht sinnlos, meint der Physiker und Philosoph Armin Grunwald in seinem kürzlich erschienenen Buch, aber sie allein reichen nicht aus, sondern müssen durch politisches Selbstbewusstsein ergänzt werden.

Seit der Begriff „Konsumgesellschaft“ existiert, haben die BürgerInnen der reichen westlichen Gesellschaften einen seltsamen Doppelstatus: Einerseits sollen sie im Rahmen ihrer Bürgerpflichten den Staat aktiv mitgestalten, andererseits wird diese Aktivität zunehmend als eine bloß passive Form des Wählens oder Auswählens definiert. Die Konstruktion des Konsumbürgers ermöglichte es VertreterInnen der internationalen Unternehmen seit Jahrzehnten, die KonsumentInnen dafür verantwortlich zu machen, dass Unternehmen ihre Produkte nicht nachhaltig, sondern bloß kostengünstig herstellen. Würden die KonsumentInnen das Richtige kaufen und fordern, so verteidigen sich die VertreterInnen der Wirtschaft, dann müssten die HerstellerInnen wohl darauf reagieren und den "Kunden als König" anerkennen. Ganz in diesem Sinne haben daher die unterschiedlichsten Initiativen versucht, die KonsumentInnen zum „richtigen“ Einkaufen zu bewegen. Geändert hat sich allerdings wenig. Denn die Macht der KonsumentInnen ist – wie Sozial- und KulturwissenschafterInnen seit Jahren beteuern – viel beschränkter, als gerne wahrgenommen wird. Nicht zuletzt muss diese Ohnmacht der KonsumentInnen wohl auch darauf zurückgeführt werden, dass die Werbeindustrie ein tausendfach höheres Budget zur Verfügung hat als die KonsumentInnenschutzvereine oder staatliche Einrichtungen. Jedenfalls kann in einem so komplexen Zusammenspiel, wie die globale Wirtschaft es darstellt, nicht ein/e AkteurIn alleine die Verantwortung tragen.

Grundübel liegt in der Vermischung von KonsumentInnen- und StaatsbürgerInnenrolle

Der Physiker und Philosoph Armin Grunwald sieht das Grundübel in der Vermischung von KonsumentInnen- und StaatsbürgerInnenrolle. Er beschreibt in seinem provokant betitelten Buch viele Maßnahmen und Empfehlungen der umweltbewegten ExpertInnen seit den 1970er Jahren sogar als Verdrängungsprozesse. Das viele Reden über Nachhaltigkeit führe eher zu kleinen kosmetischen Korrekturen an der Oberfläche, die an den grundlegenden Mustern nichts ändern, stellt er fest. Die vielen Etiketten und Labels beruhigen das schlechte Gewissen, führen jedoch nicht zum grundlegenden Wandel von einer konsumistisch orientierten zu einer zukunftsfähig produzierenden Gesellschaft. Individualistisch agierende KonsumentInnen denken nicht ans Gemeinwohl, sondern an soziale Anerkennung, Status und die eigene Gesundheit. Doch Grunwald warnt davor, private Entscheidungen einer öffentlichen Kontrolle zu unterziehen. Eine Ökodiktatur führe sicher nicht zur Mündigkeit. Auch das Gängeln und Belehren nicht. Wenn die BürgerInnen die SchlüsselakteurInnen einer lebendigen Demokratie sind, so hofft der Autor, dann müssen sie aktiv werden und Forderungen stellen.

Politisches Engagement statt „Abstimmung“ an der Supermarktkasse

Nachhaltiges Handeln und ökologisch korrekte Kaufentscheidungen sind niemals sinnlos, behauptet Grunwald zwar, aber sie allein reichen nicht aus, sondern müssen durch politisches Selbstbewusstsein ergänzt werden. Sich mit einem grünen Label gutes Gewissen zu kaufen, ist der falsche Weg. Der richtige, so Grunwald, wird nur über zivilgesellschaftliches Engagement eingeschlagen werden können.

Der erfahrene Nachhaltigkeitsforscher schreibt einen spannend zu lesenden Essay, der die kursierenden Rezepte für eine ökologisch zukunftsfähige Gesellschaft überprüft und von falschen Hoffnungen befreit. Für Grunwald steht fest: Nachhaltigkeit kann nicht als Produkt gekauft oder als Vermarktungsstrategie funktionalisiert werden, sondern liegt in der politischen Verantwortung jedes Einzelnen. Erst das politische Engagement der Einzelnen führt zur BürgerInnenbewegung, die wirklich Rahmenbedingungen für das Handeln verändern kann, anstatt nur zur Abstimmung an der Supermarktkasse aufzurufen.

Gabriele Sorgo

Armin Grunwald (2012): Ende einer Illusion. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann. oekom verlag, München. 124 S.
EUR 9,95
ISBN 978-3-86581-309-1


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