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Mensch(en) werden - Neueröffnung der Anthropologie-Säle im NHM-Wien


Weichteilrekonstruktion eines Kindes. c NHM/Kracher

Nach über zwei Jahren intensiver Arbeit stehen seit kurzem im Naturhistorischen Museum Wien (NHM) der Mensch und seine Entwicklung wieder im Mittelpunkt - mit den Schwerpunkten aufrechter Gang und Gehirnevolution.

16 Jahre lang war im Naturhistorischen Museum Wien der Homo sapiens vor den Kulissen kein Thema. Der Prozess, aus den alten, viel umstrittenen Anthropologie-Schausälen, die 1997 geschlossen wurden, ein zeitgemäßes Museumserlebnis zu machen, nahm seine Zeit in Anspruch. 1978 war vom damaligen Museums-Chefanthropologen noch der unselige „Rassensaal“ tendenziell rassistisch neu- oder besser umgestaltet worden, den der spätere Museumsdirektor Bernd Lötsch nur sehr zögerlich und auf internationalen Druck zu schließen bereit war. Erst nach dessen Abgang (2010) konnte ein bereits vorbereitetes neues Konzept endlich umgesetzt werden.

„Die Schädel gibt es noch irgendwo in unserem Fundus von 50.000 Stück“, meint die Museumsanthropologin Karin Wiltschke, aber „Rassen gibt es für uns schon lange nicht mehr.“


Gelungener Wurf

Die neu gestaltete Sammlung zeigt sich dagegen als gelungener Wurf:

„Wir haben uns bemüht, die absoluten Top-Funde der letzten Zeit zusammenzustellen“, erklärt Maria Teschler-Nicola, die Direktorin der Anthropologischen Abteilung des NHM Wien. „Wie etwa die im Jahre 2005 entdeckten Zwillinge vom Wachtberg in Krems an der Donau, die – geschützt vom Schulterblatt eines Mammuts – in einem 28.000 Jahre alten Grab der jüngeren Altsteinzeit bestattet worden waren.“

Als besondere Highlights wurden dem NHM angesichts der Neueröffnung drei 120.000 Jahre alte, originale Neandertaler-Funde aus der Höhle von Krapina für zwei Wochen (bis 13.02.2013) zur Verfügung gestellt, wie auch vier fossile menschliche Schädel aus Tel Aviv, darunter das auf ca. 50.000 Jahre datierte Original des Homo neanderthalensis von Amud.

Gezeigt wird eine repräsentative Auswahl von Fossilien, die in diesem Umfang der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich waren.


Vitrine: Der verständige Mensch. c NHM/Kracher

Gestalterisches Hauptelement sind ästhetisch gelungene Glastafel-Konstruktionen, auf denen sich Text und Bild bzw. Exponate ausgezeichnet ergänzen und Basisinformationen zur Menschheitsentwicklung anbieten. Diese Darstellungsform betont die dynamische Seite der Ausstellung, die so auch für neue Erkenntnisse offen ist.

„Die Schwierigkeit an der Neugestaltung der Säle lag sicherlich darin, diese komplexen Inhalte möglichst verständlich aufzubereiten und dabei trotzdem anspruchsvoll zu bleiben. Die Neugestaltung war ein Spagat zwischen dem, was wir sagen können, was wissenschaftlich gesichert ist, und der Frage, wie wir auf neue Erkenntnisse, die es in diesem Bereich ja permanent gibt, reagieren können. Wir haben aber, glaube ich, einen sehr guten Weg gefunden.“ so Teschler-Nicola.


Mit eigenen Händen

Insgesamt sechs Hands-On Stationen wurden entwickelt, damit den Besucherinnen und Besuchern, speziell auch sehschwachen oder blinden Menschen, die Etappen der Menschwerdung „begreifbar“ gemacht werden können.

Eines der Highlights ist der CSI-Tisch, auf dem man unter anderem TV-realitätsgetreu mittels Mikroskop, Lupe, Röntgen und Isotopenuntersuchung ein virtuelles Skelett auf Alter, Geschlecht und Todesursache bestimmen kann.


Eine Besucherin lässt sich von der neuen Morphingstation in einen Australopithecus verwandeln. c NHM/Kracher

Besucherinnen und Besucher haben die Möglichkeit, sich als Urmensch zu fotografieren und die Bilder direkt zu verschicken. Diese Morphing-Station ist ein gemeinsames Projekt mit dem Smithsonian Natural History Museum in Washington, DC, USA.

Weiters gibt es Stationen, an denen man den Unterschied zwischen einem Neandertaler- und einem Homo sapiens-Schädel ertasten kann und die Fußspuren, die drei bereits aufrecht gehende Hominiden vor 3,6 Millionen Jahren in vulkanischer Asche im heutigen Tansania hinterlassen haben, sind im Boden des Naturhistorischen Museums eingelassen. 1978 wurden die sogenannten „Fußspuren von Laetoli“ entdeckt. Es handelt sich um die ältesten Belege des aufrechten Ganges: Die westliche Spur stammt von einem, die östliche von zwei hintereinander in der gleichen Spur gehenden Individuen. Im NHM führen sie direkt zu den lebensgroßen Rekonstruktionen von „Lucy“ und einem männlichen Artgenossen eines Australopithecus afarensis. Mittels einer Augmented Reality-Station kann der Schritt vom vierbeinigen zum aufrechten Gang anschaulich nachvollzogen werden.

 

Red./WS

Zur Ausstellung wird ein umfangreiches Vermittlungsprogramm für Erwachsene und Kinder angeboten.

Veranstaltungen siehe Homepage:
www.nhm-wien.ac.at

Info & Anmeldung:
anmeldung(at)nhm-wien.ac.at

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