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Keine Nachhaltigkeit ohne Materie?


Zwei feine (kleine) Bücher geben auch physikalisch ungeschulten LeserInnen die Möglichkeit, grundlegende Erkenntnisse der Quantenphysik zu reflektieren und in punkto Nachhaltigkeit Hoffnung zu schöpfen.

 

Wenn es keine Materie gibt, dann brauchen wir auch Nachhaltigkeit nicht, so könnte man vom Titel des jüngst publizierten Gesprächs von Hans-Peter Dürr mit Peter Michel ableiten. Doch solche Kurzschlüsse beruhen auf mechanistischen Vorstellungen, die Materie als Anfang und Ende von allem verstehen, einmal gegeben und unwandelbar. Schließlich haben wir noch niemand gesehen, der Blei in Gold verwandelt hätte. Dieses mechanistische Denken, so lautet die wichtigste Botschaft von Hans-Peter Dürr, müssen wir hinter uns lassen, denn es hat die Welt in den vergangenen Jahrhunderten in ein geplündertes Ressourcenlager verwandelt, welches zu verlassen schon etliche IT-ExpertInnen angedacht haben. Doch selbst wenn uns ein zweiter Planet zum Verbrauch zur Verfügung stünde, so kann man aus den Ausführungen des Quantenphysikers schließen, wäre dem Leben auf Erden damit nicht unbedingt gedient. Vielmehr, so lautet das Plädoyer des Heisenbergschülers, gilt es mehr Demut zu entwickeln, denn unser Wissen ist begrenzt.

Dekonstruktion des mechanistischen Weltbilds

Die Quantenphysik hat alle scheinbar ewigen Gesetze der Natur in Frage gestellt und könnte im 21. Jahrhundert eine größere Erschütterung der Wissenschaften nach sich ziehen als einst die Ablösung des geozentrischen Weltbildes durch das heliozentrische. Doch warum sollte gerade NaturwissenschaftlerInnen etwas zur Rettung der Welt sagen können? PhysikerInnen und ChemikerInnen haben einst Dünger, Pestizide, benzinbetriebene Motoren und die Atomkraftwerke erfunden, ohne sich um die Folgen für die Umwelt zu kümmern. Es fällt schwer zu glauben, dass gerade von Seiten der Naturwissenschaften nun ein Anstoß kommen könnte, der wieder aus der Krise herausführt. Genau das behauptet Dürr aber mit beeindruckendem Optimismus.

Seit fast hundert Jahren können QuantenphysikerInnen nachweisen, dass die geistige Dimension niemals aus der mechanistisch vorgestellten Natur entfernt werden kann. Denn das Primäre, auf das die ForscherInnen stießen, als sie die Materie zerlegten, war nicht irgendein Urstoff, sondern die Beziehung zwischen Atombestandteilen. Grundlage des Universums sind also Beziehungen, die letztlich auch als Geist aufgefasst werden können. Dürr beschreibt das mechanistische Weltbild daher als eine Kruste des Geistes. Doch statt auf Erstarrtes sollten wir uns auf die Beweglichkeit und sogar Lernfähigkeit von Quantenfeldern konzentrieren, die letztlich alles mit allem verbinden und Informationen enthalten. Dürr distanziert sich von Stephen Hawkings „phantasieloser“ Kosmologie und nähert sich bewusst den Denkmodellen von Rupert Sheldrake an. Der Geist steht nicht außerhalb der Welt, um sie zu kontrollieren, sondern alles ist Geist, das In-Beziehungs-Setzende schlechthin. Daher beeinflussen auch unsere Gedanken den Gesamtzusammenhang. Diese Tatsache lässt sich heute ganz ohne Esoterik oder konfessionelle Einschulung physikalisch begründen.

Nachhaltigkeit orientiert sich am Paradigma des Lebendigen

Wer die Erkenntnisse der Quantenphysik aus den elitären Forschungsstätten herausholt und lebenspraktisch umsetzt, der kann die „Ordnung des Lebendigen“ als Buch der Hoffnung lesen. Weil die Materie laut quantenphysikalischer Forschung ein Prozess ist, steht die Zukunft in keinem Augenblick fest. Realität darf nicht mehr als Ding vorgestellt, sondern sollte als Potenzialität begriffen werden. Was Dürr also bestreitet ist nur die Vorstellung von „toter Materie“. Sie gibt es nicht. Stattdessen aber gibt es Prozesse des Lebendigen, die uns materiell erscheinen obwohl sie es nicht sind. Wenn wir einen Tisch anschauen, der sich für unsere Augen über viele Jahre nicht ändert, meint Dürr, dann haben wir es bloß mit einem langweiligen Prozess zu tun, der sich ständig wiederholt. Es wäre aber falsch, sich auf die uninteressanten Phänomene zu konzentrieren und von ihnen Gesetze des Lebendigen ableiten zu wollen. Denn wirklich beeindruckend ist laut Dürr der Gesamtzusammenhang aus permanent sich ändernden instabilen Prozessen, die aufeinander einwirken. Nachhaltigkeit orientiert sich am Paradigma des Lebendigen, erklärt Dürr. Sie hat daher nichts mit Haushaltsvorstellungen zu tun, die auf Unveränderlichkeit und Autarkie aufbauen, sondern stellt immer Beziehungen zum Ganzen her. Auch Verantwortung beruht auf der universellen Einwirkungsmöglichkeit. Wer sich heute auf Statistiken verlässt und daher Atomkraftwerke baut, weil die Wahrscheinlichkeit eines Störfalles rechnerisch gering eingeschätzt wird, der ignoriert, dass jede Handlung eine Auswirkung haben wird, wenn nicht heute, dann in den nächsten Generationen. Weil das Naturgeschehen kein mechanisches Uhrwerk ist, sondern eine fortwährende Entfaltung, betont Dürr, kann die Folgen gewisser Techniken niemand abschätzen. Sie aber deshalb zu ignorieren, zeugt nicht von einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Lebendigen. Denn Folgen wird es sicher geben.

Achtsamkeit gefragt

Wer die Erkenntnisse der Quantenphysik ernst nimmt, so hört Dürr nicht auf zu betonen, der muss unendlich achtsamer werden. Die positive Nachricht ist, dass diese Achtsamkeit, die mehr an eine poetische als an eine physikalische Herangehensweise erinnert, die Qualität der Beziehungen zum Lebendigen verändern kann. Schon die Einsicht, dass viele wissenschaftliche-technische Entscheidungen den Planeten zerstören könnten, wirkt auf das Bewusstsein. Die menschliche Gesellschaft, meint Dürr, kann sehr wohl durch winzig kleine Anstöße zu großen Richtungsänderungen veranlasst werden. So sieht der Physiker sich als Botschafter einer neuen Weltordnung, der es gelingen könnte Physik mit alten und neuen religiösen Weltbildern zu vereinen, wie in seinem Gespräch mit Michel erkennbar wird.

Die feinen kleinen Bücher geben auch physikalisch ungeschulten LeserInnen die Möglichkeit, grundlegende Erkenntnisse der Quantenphysik zu reflektieren und in punkto Nachhaltigkeit Hoffnung zu schöpfen. Es sieht so aus, als könnten nicht nur im Bereich des Klimawandels, sondern auch in jenem des Bewusstseinswandels sehr schnell Prozesse in Gang kommen. Allein die Hoffnung, dass sie zur Verbesserung führen, wäre quantenphysikalisch betrachtet schon eine Einflussnahme. Hans Peter-Dürr der Initiator.

Gabriele Sorgo

 


Hans-Peter Dürr: Das Lebendige lebendiger werden lassen.
Wie uns neues Denken aus der Krise führt.
oekom verlag, München 2011. 168 S.
EUR 17,95 ISBN 978-3-86581-269-8


Hans-Peter Dürr: Es gibt keine Materie!
Crotona Verlag, Amerang 2012. 104 S.
EUR 10,30 ISBN 978-3-86191-028-2


Hans-Peter Dürr gilt als der zurzeit bedeutendste Brückenbauer zwischen der Natur- und der Geisteswissenschaft. Als langjähriger Wegbegleiter Werner Heisenbergs und Direktor des Heisenberg-Instituts ist er wie kaum ein anderer qualifiziert, Grenzen zu überschreiten und scheinbare Abgründe zu überbrücken. 1987 erhielt Hans-Peter Dürr den "Alternativen Nobelpreis" für seine Verdienste um die Friedensforschung. Er ist noch immer einer der gesuchtesten Referenten und hält Vorträge auf allen fünf Kontinenten.

 

Klimafrieden - Friedensklima

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