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Der technische Eros: Die Auswirkungen von Computern auf die Lebenswelten


Es scheint dringend notwendig zu überlegen und zu untersuchen, wie die globale Vernetzung auf der Basis digitaler Datenübertragung die menschliche Species verändern könnte. Zwei neue Publikationen untersuchen die Auswirkungen von Computern auf die Lebenswelten aus zwei unterschiedlichen Perspektiven.

    

Medien beeinflussen nicht nur die Inhalte, die zu übermitteln sie erschaffen wurden, sondern auch die Rezipienten. Dieses Wissen ist nicht neu und lässt sich auch auf Werkzeuge jeglicher Art übertragen. Paläoanthropologen konnten belegen, dass die Erfindung und Anwendung neuer Techniken im Verlauf der Entwicklung des Homo sapiens sowohl den menschlichen Körper als auch die menschlichen Sozialstrukturen veränderten.


Die renommierte Psychologin Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology befasst sich seit den 1980er Jahren mit computergenerierten imaginären Welten und ihren Auswirkungen auf menschliche Beziehungen und Kommunikationsverhalten. 2011 schrieb sie sich ihre Sorgen vom Herzen. Obwohl sie die Möglichkeiten multiplen Selbstentwurfs im Netz einst für eine Bereicherung der Persönlichkeit gehalten hat, ist Turkle sehr nachdenklich geworden. Von Euphorie keine Spur mehr. Vielmehr versucht sie auf mehr als 500 Seiten die Unterschiede zwischen digital gestützten Beziehungen und face-to-face-Beziehungen akribisch zu analysieren und ebenso die Unterschiede zwischen Beziehungen unter Menschen und solchen, die Menschen zu Robotern aufbauen können. Denn die US-amerikanische Gesellschaft hat sich bereits verändert. Turkle beschreibt eine Fülle an Beispielen aus ihren langjährigen Forschungen, die belegen, dass die Zahl der Menschen, die im Alltag für viele kleine Problemlösungen Maschinen den Menschen vorziehen, eindeutig zugenommen hat. Roboter sind unkomplizierter, verlässlicher und zeitsparender.
          

Können AndroidInnen Ehen retten?

Künstliche Streicheltiere vertreiben im Seniorenheim Gefühle der Einsamkeit. Auch als Intimpartner können AndroidInnen für Entspannung sorgen und dadurch – so hofft man – sogar Ehen retten. Außerdem entlasten Computer, die mit emotionalen Gesten ausgestattet sind und dadurch einen eigenen Willen vortäuschen, oft überarbeitete Eltern, die nicht genügend Zeit für ihren Nachwuchs haben.  Kinder wachsen außerdem an einer virtuellen Nabelschnur auf, die sie mit Rückmeldungen per SMS versorgt. Dabei geht es nicht um Reflexion oder Inhalte, die zu verarbeiten wären, sondern schlicht darum, dass Daten hin und her fließen, die beweisen, dass irgendwo jemand da ist und reagiert. „Hyperaußengeleitetheit“ nennt Turkle diese Art der Einsamkeit im Netz. Die Konnektivität zerstört auf  Dauer die Realbeziehungen, stellt Turkle anhand empirischer Forschungen fest. Die Quantität der Kontakte simuliert nur eine soziale Einbettung, während gleichzeitig die Anforderung an die Qualität der Beziehungen auf ein sehr tiefes Niveauabsinken. Im Chatroulette taucht z. B. sehr oft bloß noch ein erigierter Penis auf: Jemand will beim Masturbieren nicht allein sein. Also klickt man weiter und schaut, was der nächste Chatpatner bietet. Doch dadurch verwandelt sich die Illusion, dass man die Online-Beziehungen besser steuern oder gestalten könnte sehr bald in den Druck, immer etwas bieten zu müssen und immer antworten oder posten zu müssen. Abhängigkeit ersetzt sehr oft die Machtbarkeitsphantasien. „Wir lassen uns so vieles nehmen“, schreibt Turkle. Jedes neue technische Spielzeug, jedes Medium fordert auch eine Anpassungsleistung ein, die einem Verzicht gleichkommt. Die fortschreitende Konnektivität kann nur auf Kosten der realen Einbettung vor sich gehen, so lange ein Tag nur 24 Stunden hat. Die Psychologin beschreibt den Alltag der US-amerikanischen Mittelstandsgesellschaft alles andere als glücklich. Die Konnektivität grassiert wie ein Sucht, die Menschen davon abhält, mit ihren Kindern oder PartnerInnen zu reden, über  Verstorbene zur trauern oder die Nachbarn kennenzulernen.

Blauäugige BildungswissenschafterInnen


Eine ähnliche und doch ganz anders gelagerte Warnung vor Ubiquitous Computing formuliert Manfred Spitzer in seinem Buch mit dem provokanten Titel "Digitale Demenz". Der Gehirnforscher versucht anhand zahlreicher Forschungsergebnisse zu belegen, dass computergestütztes Lernen die Gehirntätigkeiten bei Kindern nur suboptimal fördert. Er klagt BildungswissenschaftlerInnen an, neue Techniken ziemlich blauäugig oder aus eigennützigen Gründen zu propagieren. Diese Vermutung Spitzers, dass es sich mehr um Lobbyismus als um wissenschaftlich untermauerte Vorgangsweisen handeln könnte, wenn trotz Budgetschwierigkeiten Computer in Schulen angeschafft werden, wird durch die neue Studie eines österreichischen Bildungswissenschaftlers bestätigt. Der engagierte Medienpädagoge Iwan Pasuchin hat in seinem Buch "Bankrott der Bildungsgesellschaft" 2012 ebenfalls die EU-weiten politischen Hintergründe für die unkritische Erziehung fürs Web aufgearbeitet und gezeigt, dass neoliberale Bildungspolitik seit den 1980er Jahren technologiedeterministische Diskurse fördert. Genau gegen solche Diskurse, die alle Schulen ans Netz bringen wollen, weil man sonst nicht fit für die volldigitale Zukunft wäre, richtet sich das Buch von Spitzer. Der fünffache Vater betont, dass die allzu frühe Fixierung von Kindern auf Bildschirmaktivitäten vielleicht fit für einige wenige Arbeitsplätze in der Softwareentwicklung machen kann, aber ansonsten durch eine höchst einseitige Beanspruchung des Gehirns Kreativität im weiteren Leben wohl minimiert. Spitzer richtet sich dabei keineswegs gegen Computer im Allgemeinen, sondern plädiert wie schon Hartmut von Hentig vor fast 20 Jahren nur für einen sinnvollen Einsatz dieser Technologien bei Kindern und Jugendlichen. Ein Internetzugang ersetzt noch lange keine Lehrperson. Vor allem, so zeigt Spitzer anhand einschlägiger Untersuchungen, ermöglicht das Schreiben mit der Hand und das Wiederholen von Wissenwertem im Gespräch eine weitaus bessere Lernleistung als Surfen und Tippen.
       

Unterordnung unter das Werkzeug bedroht das Lebendige

Schon 400 v. Chr. gab der Philosoph Platon zu bedenken, dass die Schrift, obwohl sie Aussagen versammeln kann, dennoch das Wissen der Menschen nicht vermehrt. Entbehre sie doch der diskursiven Auseinandersetzung wie in der mündlichen Lehre. Leser glauben nur zu wissen, während sie bloß Kenntnisse sammeln. Schriften können sich die Adressaten nicht aussuchen.

Texte können auf Kritik und Fragen nicht reagieren. Eine Technologie wie die Schrift muss aber das menschliche Leben nicht degradieren, sondern kann es – wenn richtig angewandt – zu ungeahnten geistigen Höhen führen. Alles hängt davon ab, wie und wofür man die Schrift einsetzt. Ivan Illich beschrieb in seiner historischen Untersuchung über den Einbruch der Schriftlichkeit in Europa, auf welche Weise die neue Technik des Memorierens und Ordnens nach Buchstaben das Denken der alphabetisierten Gelehrten und dadurch langsam aber sicher auch den Alltag der von ihnen verwalteten vorerst noch illiteraten Menschen änderte. Seine Erkenntnisse lassen sich durchaus auch auf die Digitalisierung der Kommunikation und Verwaltung in unserer Epoche übertragen. Wo es zur Unterordnung des Individuums unter das Werkzeug kommt, wo man glaubt, die Technik wäre als solche mit Objektivität und Wissen verbunden, dort wird das Lebendige bedroht.

Computer in der Schule erzeugen noch keine Medienkompetenz

Spitzer hat mit seinem flott formulierten Buch unter Bildungswissenschaftlerinnen viel Staub aufgewirbelt. Vor allem Medienpädagogen fühlen sich angegriffen, weil Spitzer den Begriff der Medienkompetenz als Deckwort für indirekte Förderung des Computereinsatzes in Schulen kritisiert. Dabei wäre eine öffentliche Diskussion jenseits persönlicher Empfindlichkeiten angebracht, die eine seriöse Technikkritik ermöglicht. Die Gehirnforschung allein wird sicher nicht alle Argumente für oder wider Computer im Kinderzimmer liefern können. Doch die kritischen Stimmen in der Pädagogik fehlen einstweilen. 2008 verfasste der Philosoph Gernot Böhme bereits ganz im Sinne Sherry Turkles eine Bestandsaufnahme der Folgen einer „Invasiven Technisierung“ die unsere Wahrnehmung verändert. Böhme bezeichnet den Computer als Herausforderung, nicht als Stütze für das Bildungssystem. Wie Spitzer stellt er fest: „So besteht schon heute für viele Menschen  die Fähigkeit rechnen zu können darin, den Taschenrechner bedienen zu können. Man stelle sich vor, was das für das Schreiben und Lesen bedeuten könnte!“  Auch Böhme findet keine Studie, die nachweist, dass die Qualität des Unterrichts sich durch die Nutzung neuer Medien verbessern könnte. Auch Böhme vermutet, dass das Interesse an der forcierten Einführung des Computers in die Schulen schlicht darin wurzeln könnte, dass der Bildungsbereich einen großen Absatzmarkt darstellt. Bill Gates hat jedenfalls schon 1995 im „Weg nach vorn“ behauptet, dass die von ihm betriebene technologische Revolution das Bildungssystem transformieren werde. Computertechnik wird immer wieder mit Zukunft und Zukunftsfähigkeit gleichgesetzt, ohne dass Beweise dafür erbracht würden. Diesen Technologiedeterminismus zu hinterfragen und die einzelnen Akteure und ihre Interessen im öffentlichen Diskurs und auf bildungspolitischer Ebene zu identifizieren, dazu hat Spitzer sicher beigetragen und das ist ihm hoch anzurechnen. Wo seine Urteile zu pauschal ausgefallen sind, dort werden ihm die zuständigen ExpertInnen sicher kontern. In einer demokratischen Gesellschaft läuft das so.

Gabriele Sorgo

Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer-Knaur, München 2012. 368 S., EUR 19,99 ISBN 978-3-426-27603-7

Sherry Turkle: Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern. Riemann Verlag, München 2012. 576 S., EUR 19,99 ISBN 978-3-570-50138-2

Zum Weiterlesen

Iwan Pasuchin: Bankrott der Bildungsgesellschaft. Pädagogik in politökonomischen Kontexten. Springer VS, Wiesbaden 2012. 388 S., EUR 49,95. ISBN 978-3-531-19637-4

Platon: Phaidros. In: Sämtliche Dialoge. Bd. 2. Hamburg 1993

Ivan Illich/ Barry Sanders: Das Denken lernt schreiben. Lesekultur und Identität. Hamburg 1988

Gernot Böhme: Invasive Technisierung. Technikphilosophie und Technikkritik. Die graue Edition, Zug/Schweiz 2008
Bill Gates: Der Weg nach vorn. Die Zukunft der Informationsgesellschaft. Hamburg 1995

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