Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Projektarbeit – Teamarbeit: anregende Kulturschocks für die Schule

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René Reichel

In Seminaren und Lehrgängen werden Fähigkeiten, zusammengefasst als „Soft Skills“ oder „Schlüsselqualifikationen“, zumeist erst im Berufsleben teuer gekauft bzw. gelernt. Genau diese Kompetenzen aber sollten bereits in der Schule erworben werden. Ein erster Schritt dahin wäre die Veränderung der Kommunikationsmuster in der Institution Schule.

Vertikale Kommunikation steht in der Schule im Vordergrund

Kommunikation zwischen Menschen findet entweder vertikal, von oben nach unten und umgekehrt, oder horizontal, also auf gleicher Ebene (vorwiegend unter Gleichrangigen wie Peers, Teams oder PartnerInnen) statt. Professionelle Kommunikation in unserer Kultur findet bezeichnenderweise fast nur als vertikale Kommunikation statt. LehrerInnen lernen, wie sie ihren SchülerInnen etwas beibringen können, Eltern wollen wissen, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen, Vorgesetzte sollen lernen, ihre MitarbeiterInnen richtig zu führen und umgekehrt: Kinder, SchülerInnen, MitarbeiterInnen lernen, wie sie „bei denen da oben“ etwas ereichen oder deren Erwartungen entsprechen.

Wie aber Menschen horizontal miteinander umgehen, wie sie gleichrangig – als Geschwister, als MitschülerInnen, als KollegInnen – Verständigung lernen können,

  • um Solidarität zu entwickeln,
  • um zu kooperieren,
  • um Konflikte gut lösen zu können, etc.,

das wird noch kaum beachtet oder in Spielwiesen wie „Soziales Lernen“ abgeschoben. Nicht umsonst sind „Peers“ und „Team“ Fremdworte, es gibt keine wirklich guten deutschen Worte dafür! Soziales Lernen würde mehr Abstinenz von Autoritäten erfordern, mehr Chance und Notwendigkeit zur Selbstorganisation schon von klein auf, mehr Wertschätzung der Ergebnisse von Gruppenarbeit in Schule und Erwachsenenbildung. Später werden diese Fähigkeiten unter modischen Begriffen wie „Schlüsselqualifikationen“, „Soft Skills“ oder „Teamfähigkeit“ teuer gekauft bzw. gelernt.

Sozialkompetenz als Beitrag zur Demokratiefähigkeit

Wir sprechen heute gern von „Sozialkompetenz“. Werden diese Fähigkeiten früher entwickelt, dann sind sie auch ein Beitrag zur Demokratiefähigkeit.

Horizontale Kommunikation bedeutet u.a.

  • Ich bin für meine Meinung selbst verantwortlich.
  • Ich bin für meine Präsenz hier selbst verantwortlich.
  • Ich muss mich mitteilen.
  • Andere Meinungen sind prinzipiell wichtig.
  • Gemeinsame Leistungen sind längerfristig wertvoller als Einzelleistungen.
  • Es muss nicht alles sofort geklärt oder entschieden werden.
  • Wir reflektieren auch die Kommunikation selbst (Meta-Kommunikation).

Zahlreiche LehrerInnen haben ein gutes Gespür für diese horizontale Kommunikation. Sie finden Kollegialität wichtig, und unter ihrer Leitung fangen SchülerInnen an zu diskutieren und zu kooperieren. Und doch leiden gerade solche LehrerInnen an ihrer Berufssituation, denn sie spüren unbewusst oder wissen genau, dass diese horizontalen, partnerschaftlichen Elemente im Schulalltag ein struktureller Fremdkörper sind. Da nützen auch alle Sonntagspredigten von Schulpartnerschaft etc. nichts.

Teamarbeit in der Schule – ein Paradox

Projektarbeit und Teamarbeit in der Schule ist ein Paradox, da es sich hier um sehr verschiedene, teilweise entgegengesetzte Grundhaltungen handelt, die immer wieder neu, manchmal mühsam, unter einen Hut zu bringen sind.

Unterricht ... Projektarbeit ...
... ist geleitet von der Vorstellung, dass... in der Schule bedeutet:
alle Kinder eines bestimmten Schultyps und einer bestimmten Schulstufeklassen- und/oder fächerübergreifendes Arbeiten.
im Lehrplan festgelegte InhalteDas Hauptthema steht fest, Details entwickeln sich erst.
nach festgelegten didaktischen PrinzipienEs wird teamorientiert gearbeitet – individuelle Beurteilung ist kaum möglich.
im Rahmen einer festgelegten Schulorganisation lernenMeist fehlen Vorbilder und Vergleichsmöglichkeiten; klassische Benotung ist daher kaum möglich.
und jeder einzelne Lernerfolg nach festgelegten Kriterien beurteilt wird.Ein Projekt lebt von der Neugierde und dem gemeinsamen Erlebnis als Energiequelle.
 Das gemeinsame Ergebnis wird auch Nichtbeteiligten (öffentlich) präsentiert.
 Ein Projekt lebt nicht ewig. Jedes Projekt muss neu erfunden werden.


Je mehr ein Mensch im traditionellen Schulsystem und seinen Grundhaltungen verankert ist, desto schwerer tut er sich mit der Projekt- und Teamphilosophie – sie bleibt unverständlich. Andererseits gibt es viele LehrerInnen, die eine solche Denk- und Arbeitsweise verstehen, und viele sehnen sich danach. Was häufig noch immer fehlt, ist das ermutigende kollegiale Klima, um die neuen und längst zeitgemäßen Paradigmen – auch gegen vielfältigen Widerstand – energisch zu vertreten.

Kontakt

Dr. René Reichel
rene@reichel-reichel.at
 René Reichel
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Zuletzt aktualisiert: 2012-06-18

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