Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Komplexität erproben und erleben
Elemente einer Didaktik des systemischen Denkens

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Ueli Nagel und Sandra Wilhelm-Hamiti

Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Der Blick aufs Ganze und auf die Zusammenhänge in einem System. Das Verständnis für Rückkoppelungen, Selbstregulation und Kreisläufe. Die Einsicht in längerfristige Auswirkungen eines Eingriffes: Ein solches Denken und Handeln in Systemen gehört heute zu den Schlüsselkompetenzen in unserer immer komplexeren Welt.


Als systemisches Denken bezeichnen wir „die Fähigkeit, (komplexe) Wirklichkeitsbereiche als Systeme zu beschreiben, zu modellieren und darauf aufbauend Erklärungen zu geben sowie Prognosen und Handlungsmöglichkeiten zu entwerfen und zu beurteilen“.

Diese Fähigkeit ist ein wesentliches Element der Gestaltungskompetenz in der Bildung für nachhaltige Entwicklung: In verschiedenen Kompetenzformulierungen wird immer wieder „vernetzendes Denken, Verstehen von Zusammenhängen, interdisziplinär und vernetzt Denken“ als zentrale Fähigkeit im Rahmen die Bildung für nachhaltige Entwicklung gefordert. Systemisches Denken steht auch im Zusammenhang mit der Kompetenz der „scientific literacy“, der naturwissenschaftlichen Grundbildung, und ist eine Komponente des „Problemlösens“ wie sie in den PISA-Studien untersucht wird.

Die Kunst vernetzt zu denken fällt nicht vom Himmel, ...

Computergestützte Systemmodellierungen werden heute zwar in Naturwissenschaften, Technik und Wirtschaft erfolgreich eingesetzt, aber viele Erwachsene haben nie gelernt, wie ein Systemmodell aufgebaut werden kann und welches Denken dahinter steht. Die „Kunst vernetzt zu denken“ fällt eben nicht vom Himmel. Sie kann und muss jedoch bereits in der Grundschule eingeführt und gefördert werden.

Wie Studien v.a. aus den USA zeigen, können bereits Kinder im Volksschulalter ein explizites Verständnis für funktionale Zusammenhänge und Rückwirkungen in komplexen Systemen erlernen. In mehreren Einzelstudien konnte gezeigt werden, dass bereits ein relativ kurzes, gezieltes Lerntraining zu einem signifikanten Zuwachs der Darstellungskompetenz und der Prognosefähigkeit in einem anderen Handlungssystem führt. Die Entwicklung einer Didaktik des Systemdenkens für diese Altersstufen steht aber noch am Anfang und auch entsprechende Unterichtsmaterialien fehlen noch weit gehend.

... sondern kann erlernt werden

In einem Lerntraining zum Systemdenken werden anhand konkreter Themenstellungen u.a. Übungen und Spiele für das Verständnis von Systemzusammenhängen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden durchgeführt. Gleichzeitig wird die Modellbildung mittels der dazu geeigneten Darstellungsformen geübt. Dazu nur zwei exemplarische Hinweise: Warum kann die Sperung eines Tunnels den Stau auf der Zufahrtstraße zum Verschwinden bringen? Das  „Tunnel-Stau-Spiel“ regt lebhafte Diskussionen an und fördert ein systemisches Verständnis von Zusammenhängen im Verkehr. Wie erkenne ich zeitverzögerte Wirkungen? Bei der Übung  „Mittendrin“ erleben wir hautnah, wie schwierig das ist und können verschiedene Eingriffsvarianten erproben und reflektieren. Zu einer Didaktik des systemischen Denkens gehört ein ganzes Repertoire von solchen Übungen, Spielen und Darstellungsformen, mit welchen die Schlüsselbegriffe des Systemdenkens eingeübt werden können. Darauf aufbauend kann ab der Sekundarstufe I das Erstellen von System-Modellen am Computer (mit geeigneten Software-Programmen) erlernt werden.

In einem schweizerisch-deutschen Forschungsprojekt werden derzeit Grundlagen (Fallstudien, Präkonzepterhebung, Lerntraining) zu einer Didaktik des systemischen Denkens für die Primar- und Sekundarschule erarbeitet. Darauf aufbauend werden ein Messinstrument, Unterichtsmaterialien für verschiedene Stufen sowie ein Weiterbildungskonzept zu entwickeln sein, die in einer größeren Wirkungsstudie evaluiert werden sollen. Ein Raster eines didaktischen Aufbaues von Instrumenten zur Förderung des systemischen Denkens auf verschiedenen Altersstufen kann ebenfalls in diesem Zusammenhang erprobt werden.

Kontakt

Dr. Ueli Nagel
Pädagogische Hochschule Zürich
Zeltweg 21
CH-8090 Zürich
Tel. 0041/4/305 58 60
ueli.nagel@phzh.ch

Weitere Informationen als Download

 Präsentation als Download (pdf, 3190 kB)
 Systemspiel Feedback (pdf, 38 kB)
 Bildkarten Habits (pdf, 225 kB)
 Kreise in der Luft (pdf, 29 kB)
 Freundschaftsspiel (pdf, 44 kB)
 Literatur- und Linkliste zu Systemischem Denken und Handeln (pdf, 77 kB)

Zum Weiterlesen

Booth Sweeney, L
When a butterfly sneezes: Thinking about systems through favorite stories
Waltham 2001
Pegasus
Pädagogik und Praxis

Booth Sweeney, L./Meadows, D.
The Systems Thinking Play Book (Vol. I – III)
Waltham 2002
Pegasus
Pädagogik und Praxis

Ossimitz, G.
Entwicklung systemischen Denkens. Theoretische Konzepte und empirische Untersuchungen.
Wien/München 2000
Profil-Verlag
Pädagogik und Praxis

Quaden, R./Ticotsky, A.
The Shape of Change
Action MA: Creative Learning Exchange 2004
Pädagogik und Praxis

Vester, F.
Die Kunst vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität
Stuttgart 2000
DVA
Pädagogik und Praxis

Zum Weitersurfen

 SD Mega Link Liste der Universität Klagenfurt
 "Beats Biblionetz" Medienpädagogik
 Umweltspiele.ch
 Sensitivitätsmodell Prof. Vester 
Vernetzt Denken nach Gomez/Probst
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-18

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