Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Flow Learning: Wasser findet seinen Weg - ein Plädoyer

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„Es kommt in unseren Breitengraden aus dem Hahn, um nach ca. 30 cm Fallhöhe möglichst schnell wieder zu verschwinden. Es riecht nicht, es schmeckt nicht. Es sieht nach nichts aus, ist farblos-durchsichtig, verursacht von sich aus keine Geräusche. Verinnt zwischen den Fingern. Es lässt sich nur ungern festhalten, ist neutral.“

Im Gespräch mit dem Berliner Wasser-Pädagogen Gottfried Heinzelmann.

Forum: In deinem Buch „Wasserzauber“ beschreibst du Wasser als Sinneanregendes Spielmaterial?!

Heinzelmann: Ja – das ist die eine Seite von Wasser. Wie es uns Erwachsenen täglich begegnet, die wir recht achtlos mit ihm umgehen. Schließlich verbraucht jeder von uns ca. 130 Liter Trinkwasser am Tag. Wer geht schon damit bewusst um? Und andererseis hat Wasser ebenso das gewisse Etwas. Es ist von Geheimnissen umgeben, hat vielfältige Eigenschaften und eigentümliche Schönheiten aufzuweisen. In sich birgt es Rätsel. Ein Zauber geht von ihm aus. Es fördert Momente des puren Glücks, beflügelt die Fantasie. Nennen wir dieses Etwas, das sich nur schwer entziffern lässt – nennen wir es „flow“. Nicht nur, dass Wasser einzigartig, wertvoll und kostbar ist. Es macht auch Laune und Spaß. Und es macht nass. Und das letztere ist eher die Sicht von Kindern. Wasser ist ja ihr Element. Sie sind noch näher an ihm dran. Wenn – da nicht die Erwachsenen wären.

Forum: Das klingt nach einem nicht unproblematischen Verhältnis?

Heinzelmann: Ist es sicherlich. Es sind vor allem die Erwachsenen, die den Umgang mit Wasser bestimmen. Und die Erwachsenen versuchen, den Kindern ihre Ansichten „aufzudrücken“. Zu Hause, auf der Straße, in der Kindertagesstätte, in der Schule, im Stadtraum lernen Kinder auch die Wasser-Nicht-Kultur kennen. „Geh nicht durch die Pfütze!“ – „Spiel nicht am Fluss“. – „Macht dich nicht nass!“ Die Nichtkultur wird als Einschränkung, Norm, Tabu, Missachtung weitergegeben. Wenn es nach ihnen geht, hat Wasser vor allem einen Nutzwert: Es dient der Hygiene. Und so werden Kinder zum Händewaschen, Zähneputzen, Gesicht und Ohrenwaschen angehalten und erzogen. Und manche Kinder sind nur deshalb wasserscheu.

Forum: Wo liegen da die Chancen für die Kinder?

Heinzelmann: Die gibt es schon. Ihre Chance ist, mit Wasser zu spielen und es so kennen zu lernen. Und diese Chance versuchen sie täglich wahrzunehmen. Oft sehr zum Ärger der Eltern. Doch in dem „Wassergerangel“ liegen auch zwei Chancen. Die der Kinder und die der Erwachsenen. Das Kind möchte nicht nur Hände waschen! Es will durch die Pfütze und tut es auch. Egal, ob es Gummistiefel anhat oder keine. Einzig das „Hier und Jetzt“ zählt. Dieser Drang zum Wasser sollte dem Kind eingeräumt werden.

Forum: Und die Erwachsenen?

Heinzelmann: Ja, es gibt durchaus auch eine Chance für uns Erwachsene, die wir schon etwas gemütlich dahin „fließen“. Durch die Offenheit der Kinder können wir einfacher „im Fluss“ bleiben. Wenn wir uns gemeinsam mit den Kindern in einen Lernprozess begeben, können wir eigentlich nur dazugewinnen. Und Wasser ist dafür ein ideales Medium. Die Chance ist, Wasser als etwas zum Lernen zu begreifen. Kinder leben noch nahe an der Quelle. Quirlig sind sie im „Fluss des Lebens“, der auch ein „Fluss des Lernens“ ist. Als Kinder lernen wir in den ersten 10 Lebensjahren mehr als in all den folgenden – auch über Wasser. Und wenn sich Erwachsene mit den Kindern aufmachen, Wasser in allen seinen Facetten zu entdecken, kommen sie auch in einen Lernprozess. Und das ist gut – für beide Seiten. Clevere Erwachsene kommen darüber in den Dialog – nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Wasser. Wer so vorgeht, ist dem Fluss des Lernens – flow learning – schon recht nahe.

Forum: Welche Rolle spielen denn dabei die Pädagogen?

Heinzelmann: Die Pädagogen sind so etwas wie die Vermittler zwischen den beiden „Parteien“. Wobei sie sich tendenziell eher auf Seite der Kinder stellen sollten. Auf jeden Fall ist die Beschäftigung mit Wasser eine große Herausforderung und Aufgabenstellung für (Umwelt- Pädagogen, die weit in das nächste Jahrhundert hinein reicht. Gleichzeitig ist es auch eine Herausforderung für die Institutionen, etwa die Kindergärten und Horte (in Berlin: Kindertagesstätten), für die Schulen, die Gemeinden und letztlich auch den derzeitigen gesellschaftlichen Wasserkonsens. Politiker sind gefragt, für die „Software“ wie auch für die „Hardware“ der Institutionen geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen. Planung, Architektur, Technik und Ausstattung sind verdinglichte Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Sie entscheiden letztlich über die mehr oder weniger versteckten Botschaften und Inhalte, bestimmen das Alltagshandeln. Wer zu diesem gemeinsam Lernprozess Ja sagt, sollte auch für entsprechende Lern- und Erfahrungs-Curicula sorgen und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.

Forum: Hört sich gut an. Wie ist es damit aber in einer Großstadt wie Berlin oder Wien bestellt? Ist das auch dort umzusetzen?

Heinzelmann: Das ist sicherlich nicht so einfach. Vor allem was das Stadtzentrum angeht. Die Außenbezirke tun sich da leichter. Die Innenstadt ist verbaut, der Boden weitgehend versiegelt. Wasser ist verohrt, kanalisiert.Es gibt kaum geeignete Lernorte für Wasser in der Stadt und in der Wohnung. Mit der Geschirspülmaschine kann nicht mehr im Abwasch geplanscht werden. Natur und Wasser kann – von der Großstadt aus gesehen – sehr weit weg sein. Das sind Überschwemmungen im Irgendwo, farbige Unterwasserfilme oder das Aquarium. Regen ist für den Berliner eher ein Störfaktor. Bei „schlechtem Wetter“ geht er nicht raus. Und er gibt seine Entfremdung von der Natur auch gerne an die nachfolgende Generation weiter. Mit allen, selbst globalen Konsequenzen.

Forum: Sind da Lösungen in Sicht?

Heinzelmann: Sicherlich. Das Wasserzauberbuch ist ja z.B. voll von einfachen und umsetzbaren Beispielen. „Flow Learning“ ist unmittelbar, direkt. Hier und jetzt kann jeder anfangen, mitmachen und Spaß ist ja auch ein gutes „Treibmittel“, ein Flow-Effekt sozusagen. Das großstädtische Wassersystem hat einen Schwachpunkt: den Wasserhahn. Und hier setzt nicht nur das kindliche Begehren an. Der Wassermuseum e.V. betreibt u.a. inzwischen mitten in Berlin einen WasserZauberRaum und auch eine Wasserwerkstatt auf dem Gelände einer Gartenarbeitsschule. Wir haben ziemlichen Zulauf. Letzten Sommer kamen 5.000 Besucher.

Forum: Wie steht es mit Wassersparen? Die Frage sei erlaubt! Für manche fängt der Umweltschutz mit Wassersparen an …

Heinzelmann: … und hört auch leider damit schon auf. Doch diese Einstellung ist sehr kurzsichtig und behindert vor allem Kinder in ihrer Entwicklung. Insbesondere kleine Kinder sollten unbedingt Möglichkeiten haben ausgiebig mit Wasser zu spielen. Und das ist in der Stadt – in Ermangelung von anderen Ressourcen, aber auch aus Gründen der Hygiene – vor allem Trinkwasser.

Das Ziel ist, Kinder möglichst vielfältige Erfahrungen mit einer begrenzten Menge Wasser machen zu lassen. Das heißt: Das „Längere-Zeit-mit-einer-begrenzten-Menge-Wasser Spielen“ ist der Versuch, Wasser aus der Vertikalen zum Verweilen in der Horizontalen zu „verlocken“. Man kann sich das als eine Art Wasserschleife im Wasserkreislauf vorstellen. Im Fluss gibt es z.B. das Kehrwasser. So kann die eingebaute funktionalen Geradlinigkeit der Wasserstränge unterlaufen werden.

Die Erfahrungen zeigen, dass Kinder sehr achtsam mit Wasser umgehen, denn verschüttetes Wasser ist sofort weg und damit das Spiel verloren. Das alles nutzt wenig, wenn nicht Eltern,Kindertagesstätten,Gemeinwesen usw. umdenken. Auf jeden Fall bedarf es in einer Großstadt mehr Gelegenheiten und Möglichkeiten, dem Wasser auf die Spur zu kommen.

Es bedarf jedoch nicht nur einer Sensibilisierung, es bedarf auch anderer Strukturen. Es heißt ja: Kinder sind die Zukunft. Wie Wasser, benötigen auch sie Entwicklungs- und Entfaltungsspielräume. Wasser gibt Antworten auf Fragen, wartet darauf entdeckt zu werden oder fließt einfach weiter.

Forum:Wie geht es weiter mit dem „Wasserzauber“?

Heinzelmann: Derzeit versuchen wir, in Kindertagesstätten Projekte zu entwickeln und zu erproben und mit dem Berliner Bildungsprogramm für Kindertagesstätten, das als Reaktion auf den PISASchock im Entstehen ist, zu verknüpfen. Diese Projekte werden auch für den Rahmenplan der Grundschule kompatibel sein. Das sind umfangreiche Materialien, aber auch Know-how, um Wasserprojekte mit Kindern selbst zu entwickeln. Wasser ist ein riesiges Themenfeld, das noch lange nicht ausgeschöpft ist. Fast schon eine Lebensaufgabe.

Forum: Eine Lebensaufgabe: Scheinbar auch für dich! Wir wünschen dir viele neue Ideen und deren Realisierung!

Der Autor:

Gottfried Heinzelmann, Diplompädagoge. War u.a. als Reinigungskraft, Hausmeister, Erzieher, Kita-Leiter, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Praxisbegleiter und Projektmanager tätig. Lebt in Berlin-Kreuzberg. Mitgründer, Mitarbeiter und Vorstand des Wassermuseums e.V.
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-14

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