Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Das „Flaschenpostamt“

©

Das Flaschenpostamt war eine Rauminstallation des Österreichers Purkathofer und des Schweizers Thannhäuser im Jahr des Wassers. Dabei gab es einerseits Flaschen mit Etiketten, die eigens für diesen Zweck geschaffen wurden, außerdem standen Broschüren und Vordrucke bereit, die verwendet werden konnten, um einen Inhalt zu gestalten.

TeilnehmerInnen können auf Vordrucken eine Nachricht verfassen, die in einer Flasche „verpackt“ wird. Diese Nachricht ist adressiert an eine Person, die man immer schon kennen lernen wollte, an ein anonymes Personenprofil (in der Art Beruf, Ort, Alter) oder an Personen, deren Aufenthalt man nicht mehr weiß.

Die TeilnehmerInnen können die Nachricht in der Flasche direkt an eine Person weitergeben oder ins Depot des Flaschenpostamts stellen, wo sie von anderen Gästen und TeilnehmerInnen in Empfang genommen werden kann. Das System selbst funktioniert sozusagen als privates Kommunikationssystem und als „interaktive“ Rauminstallation vor Ort.

Eine Analogie zum Wasser als Medium besteht insofern, als dass Wasser, das man benutzt, immer wieder in den Wasserkreislauf eingespeist wird. Verantwortungsbewusstes Handeln ist in beiden Medien Voraussetzung.

Eine beliebige Anzahl leerer Flaschen und Broschüren können gegen Pfand erworben werden, um zu Hause neue Nachrichten zu erstellen oder etwa als kommunikatives Objekt aufzubewahren oder gar zu sammeln. Objekte, die durch viele Hände gegangen sind, erhalten dann natürlich einen unschätzbaren Wert für die beteiligten Personen, der aber mehr in den Beziehungen zwischen den Menschen liegt als in der Bedeutung des Inhalts.

Projekt-Hintergrund

Zwei beliebige Erdenbürger sollen über etwa sechs Ecken miteinander bekannt sein. Diese populärwissenschaftliche Annahme ist bekannt unter dem Namen „Six Degrees of Separation“.

Der Sozialpsychologe Stanley Milgram führte in den 60er Jahren Studien zur sozialen Verflechtung der Gesellschaft durch. Milgram drückte zufällig ausgewählten Menschen Briefumschläge mit der Bitte um Beförderung in die Hand. Eine genaue Anschrift der Zielperson gab es nicht. Nur Wohnort und Beruf gehörten zu den Informationen. So durfte das Kuvert nur an gute Bekannte verschickt werden.

Milgram wollte damit zeigen, dass schon wenige zufällige, aber weit reichende Kontakte ein Netzwerk von Millionen Personen zu einer „Small World“ machen, in der nicht mehr als „Six Degrees of Separation“ zwischen zwei beliebigen Personen bestehen.

Bis heute fasziniert diese Hypothese vor allem SozialwissenschaftlerInnen, die unter dem Begriff „Smallworld Sociology“ (dies ist auch der richtige Suchbegriff im Internet!) versuchen, die Hypothese Milgrams vor allem für die modernen Kommunikationsmedien wie das E-Mail zu untersuchen. So unsicher wie spannend.

Freilich sind Flaschen dafür ein vergleichsweise schweres und empfindliches Gut. Leider konnten wir auch keinen der beiden Künstler erreichen, um sie über ihre Erfahrungen zu befragen. Vielleicht hätten wir es im Flaschenpostamt versuchen sollen?
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-14

 zurück zur vorigen Seite