Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Der Verlust der Kulturarten zeigt erste Auswirkungen

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Um 1900 wurden in Indien noch 30 000 Reissorten angebaut - heute sind es nur mehr 12, und von 20 000 Apfelsorten haben sich nur wenige Hochleistungs-sorten durgesetzt. Was sich über Jahrtausende entwickelt hat, wird in wenigen Jahren zerstört und die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich weiter.

Biologische Vielfalt ist nicht nur in den Regenwäldern und Naturwaldreservaten zu finden, sondern auch bei unseren Kulturpflanzen. Lokale Pflanzensorten und eine Vielfalt an Nutztier-Rassen sind das langsam gewachsene 'genetische Kapital' einer Region. So genannte „Landsorten“ sind optimal an den Boden und das örtliche Klima sowie an die biologischen Gegenspieler (z.B. bestimmte Insektenarten, die in der Region vorkommen) angepasst. Ihre breite Farb- und Geschmackspalette sorgt für eine abwechslungsreiche und gesunde Ernährung.

Nicht nur die Ernährungssicherheit ist bedroht ...

Die Vielfalt an Sorten trägt auch eine Vielfalt an Resistenzgenen. Bei auftretenden Krankheiten werden nicht alle Felder befallen, denn einige Sorten sind weniger anfällig. Auf diese breite pflanzengenetische Reserve konnte man bei der Züchtung neuer resistenter Sorten zurückgreifen.

Jahrtausende haben Bauern und Bäuerinnen gebraucht, um eine Vielzahl von Pflanzensorten für die Ernährung der Menschheit zu züchten. Innerhalb weniger Jahrzehnte ist dieser globale Reichtum nach Schätzungen der FAO zu 75 Prozent verloren gegangen.

Zahlreiche lokale Sorten wurden von wenigen Hochleistungssorten verdrängt.
  • Seit 1949 hat China von rund 10 000 Weizensorten 9 000 verloren.
  • Um 1900 wurden in Indien noch etwa 30 000 Reissorten angebaut. Heute sind es nur noch 12.
  • In Lateinamerika wurden mehrere hundert Kartoffelsorten durch die holländische Bintje ersetzt, die sich zur Pommesherstellung besser eignet. Die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten (Kartoffeln werden heute auch in Lateinamerika überwiegend als Pommes verzehrt) ging einher mit dem Verlust von einheimischen Kulturpflanzensorten.
  • In Österreich gab es im um 1900 noch 5000 Apfelsorten. Heute sind es nur noch 500. (Quelle: Arche Noah)
  • Weltweit sind von rund 20 000 Apfelsorten nur ein Dutzend im Handel.


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... auch das Weltklima und die globale Gerechtigkeit

Die Grüne Revolution ist eine Strategie zur Erhöhung der agrarischen Produktivität und zur Ausweitung des Nahrungsspielraumes der wachsenden Weltbevölkerung. Mit neuen Hochleistungssorten und -saatgut (meist Hybridsorten) Kunstdünger, Pflanzenschutz, Technisierung und Bewässerung konnte zum Beispiel Asien seine Getreideproduktion verdreifachen und ein Hungerland wie Indien zum Weizenexporteur aufsteigen. Dennoch ist die Euphorie der 1960iger Jahre verflogen. Der Hunger ist geblieben, die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich vertieft - die Abhängigkeit von den multinationalen Chemiekonzernen ist stärker worden.

Die Konsequenz ist eine High-Energy-Input-Bewirtschaftung nach nordamerikanischem Muster. Energiearme Entwicklungsländer verfügen nicht über die nötigen energetischen Ressourcen und müssen diese um teures Geld einführen. Dabei wirken sich dann die sich ständig verschlechternden Austauschbeziehungen im Welthandel aus, die die agrarischen Rohstoffe tendenziell verbilligen, die Industriewaren im Preis aber ansteigen lassen.

Noch gravierender sind die ökologischen Folgen, die sich am asiatischen Beispiel in Versalzung, Versumpfung, Bodennitrierung bis zu Bodenunfruchtbarkeit, Gewässerverseuchung, Übernahme biozidresistenter Schädlinge, genetischer Verarmung an Pflanzen und Tieren äußern.

Quelle

Borsdorf, A.: Dritte Welt und Weltwirtschaft, 4. Auflage, Stuttgart 1995 
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-06

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