Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Partizipation im Unterricht
Forschendes und selbstbestimmtes Lernen ist aktive Beteiligung

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Partizipation heißt Teilnahme an Entscheidungen. Im Unterricht bedeutet Partizipation selbstbestimmtes Lernen und Beteiligung an der Gestaltung seiner Rahmenbedingungen. SchülerInnen nehmen selbst Einfluss auf die Gestaltung von Prozessen, die den Unterricht und das Leben an der Schule betreffen.

Erste und wichtigste Voraussetzung für Partizipation ist das Ernstnehmen der SchülerInnen. Wenn Kinder und Jugendliche erleben, dass sie respektiert werden und dass ihre Interessen im Unterricht einen Stellenwert erhalten, dann kann sehr viel Motivation bei den Lernenden ausgelöst werden. Unterrichtsinhalte und Aufgaben bekommen eine neue Bedeutung, wenn sie nicht als aufoktroyiert empfunden werden, sondern wenn eigene Überlegungen der SchülerInnen daran beteiligt sind.

Ein typischer Effekt mangelnder Beteiligung ist das so genannte Tauschprinzip: „Tausche ein Minimum an Leistung gegen die Note, die ich brauche“. Hier richtet sich das Interesse nicht auf die Inhalte des Lernens, sondern nur noch auf die Note. Teilnahme der SchülerInnen an der Gestaltung der Leistungsbeurteilung, wie dies bei alternativen Formen der Leistungsbeurteilung oft der Fall ist, kann dazu beitragen, das Tauschprinzip zu überwinden. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Auseinandersetzung mit Leistungskriterien und Qualitätsstandards. Modernere Formen der Leistungsbeurteilung wie Portfolio Assessment gehen schon in diese Richtung. Vom/n der SchülerIn erbrachte Leistungen werden gesammelt und sichtbar gemacht; bei manchen Varianten wählt der/die SchülerIn seine/ihre besten Arbeiten selbst aus. Das heißt er/sie muss sich über die Qualität der Arbeiten Gedanken machen.
 

Partizipation jenseits des „normalen“ Unterrichts

Unterrichtsformen, die Partizipation in höherem Maße erlauben als im sogenannten normalen Unterricht sind beispielsweise Projekte, Freiarbeit und Planspiele. Partizipation bezieht sich jedoch nicht nur auf den Unterricht, sondern auch auf die Ordnung des sozialen Zusammenlebens an der Schule. An vielen Schulen werden zum Beispiel Verhaltensregeln und Sanktionen bei Nichteinhaltung der Regeln mit den SchülerInnen gemeinsam vereinbart. Die Vereinbarung von Verhaltensregen ist ein guter Startpunkt für Partizipation in der Schule, da es dabei besonders nahe liegt, bei der Entscheidung darüber Vorstellungen der SchülerInnen zu berücksichtigen, damit sie auch von allen verstanden und als sinnvoll erachtet werden.
 

Die richtigen Spielräume

Wenn LehrerInnen im Zusammenhang mit SchülerInnenpartizipation manchmal von chaotischen Zuständen reden, dann haben sie wahrscheinlich Fehler bei der Vorgabe der Spielräume gemacht. Viele meinen, dass bei einer Öffnung des Unterrichts für Spielräume der SchülerInnen die Vorgabe der Grenzen nicht so wichtig sind. Dies ist oft ein folgenschwerer Irtum: Je mehr Spielräume SchülerInnen für eigene Entscheidungen erhalten, desto genauer müssen die Grenzen definiert und verständlich gemacht werden. Abhängig vom Alter der Kinder und Jugendlichen, ihrem Reifegrad sowie ihren Erfahrungen mit selbstständigem Arbeiten muss entschieden werden, wie viel Freiraum gewährt werden kann.

Lesen Sie dazu:  Ein Experiment: Führt zu viel Freiraum zu Überforderung?
 

Fördernde Rahmenbedingungen

Es gibt eine Reihe von förderlichen Rahmenbedingungen für Partizipation. Etwa die im Pflichtschullehrplan festgelegte Trennung zwischen Kern- und Erweiterungsberreich. Zwei Drittel der Zeit werden im Lehrplan einem Kernberreich gewidmet, ein Drittel einem Erweiterungsberreich, in gewissem Sinn einem Spielbein, das flexibel nutzbar ist. Dieses Drittel kann für Vertiefung genutzt werden, aber auch dafür SchülerInnen Spielräume bei der inhaltlichen Gestaltung des Lernens zu geben. Diese Möglichkeit könnte von den Lehrkräften in stärkerem Maße genutzt werden als dies bisher der Fall war. Die Vorgaben des Lehrplans werden vielfach einschränkender als nötig interpretiert und tradiert. Damit wird zum Teil jener Spielraum aufgegeben, der für Initiativen zur Beteiligung der SchülerInnen verfügbar wäre.

LehrerInnen sollten bereits in der Ausbildung Erfahrungen machen können, wie man Spielräume gibt und Grenzen setzt. Sie sollten Projekte durchführen, deren Auswirkungen kritisch überprüfen und dabei die Bedeutung von Reflexion über die eigene Arbeit erleben. Wenn später an den Schulen Spielräume für die SchülerInnen eröffnet werden, ist es von großer Bedeutung, dass sie in die Reflexion über den Prozess und seine Auswirkungen eingebunden werden. Reflexion über Lernerfahrungen ist ein wesentliches Element von Partizipation. Reflexion über die eigene Arbeit gilt allerdings im „normalen“ Unterricht nicht selten als Zeitverschwendung. Wenn allerdings komplexere Aufgaben (etwa im Rahmen eines Projekts) zu bearbeiten sind, die im Einzelnen nicht detailliert aufgegliedert werden können und bei denen auch das Ergebnis nicht im Detail vorbestimmbar ist, wird die Bedeutung von Reflexion über einzelne Schritte leichter einsehbar. Um Irwege zu vermeiden, muss immer wieder innegehalten werden, geschaut werden, wo man steht und welche Richtung am sinnvollsten zum Ziel führt.
 

Partizipation als zentraler Aspekt einer Bildung für nachhaltige Entwicklung

Vor allem wenn mit Partizipation im Rahmen einer Bildung für Nachhaltigkeit eine Einstellungsveränderung bei Kindern und Jugendlichen angestrebt wird, ist es wichtig, dass SchülerInnen die Gelegenheit erhalten, im Unterricht über ihre eigenen Werthaltungen nachzudenken. Es mag paradox klingen, aber junge Leute haben selten Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob das, was sie tun, ihren eigenen Wertvorstellungen auch wirklich entspricht. Tun sie es, dann erkennen sie oft, dass sie manches nur deshalb machen, weil es vielleicht ihre Freunde auch machen, ihnen andere Dinge aber eigentlich wichtiger wären. Eine „Wertschätzung des Nachdenkens“ darüber, was einem in einem nachhaltigen Sinne wichtig ist, ist eine wichtige Rahmenbedingungen von Partizipation.
 

Beteiligung von Anfang an?

Auch Kinder können sich konstruktiv an Entscheidungen beteiligen. Je jünger die SchülerInnen allerdings sind, desto weniger können sie erforderliche Zeiträume abschätzen und umso enger müssen die Zeiträume freien Arbeitens gesetzt werden. In der Oberstufe können die Jugendlichen ihre Zeit bereits sehr gut selbst einteilen – wenn sie Gelegenheit erhalten, es (meist aus Fehlern) zu lernen. Allerdings muss die Lehrkraft dann auch konsequent sein, und das Einhalten z.B. zeitlicher Vereinbarungen einfordern. Wenn LehrerInnen locker mit ihren eigenen und den vereinbarten Vorgaben umgehen, entsteht sehr schnell eine Laissez-faire-Situation auf Seiten der SchülerInnen.

Lesen Sie dazu auch:  Erfahrungen mit partizipativem Unterricht. Ein Lehrer berichtet
 

Partizipation kostet Zeit und Energie

Es muss auch berücksichtigt werden, dass größere Projekte auf LehrerInnen- vor allem aber auf SchülerInnenseite oftmals sehr zeitaufwändig sind. Wenn an einer Schule mehrere Projekte geplant sind, ist eine gegenseitige Abstimmung daher dringend erforderlich, damit die SchülerInnen nicht gleichzeitig an mehreren Projekten arbeiten müssen. Allerdings ist diese gegenseitige Abstimmung noch nicht die Regel, sodass Überforderungen nicht selten sind und Partizipation und selbstständige Arbeit oft auch als Belastung und etwas Negatives erlebt wird.
 

Unternehmen „Lernen“

In seiner ausgeprägtesten Form bedeutet Partizipation nicht nur aktive Beteiligung der SchülerInnen am Unterricht, d.h. am Erwerb bestehenden Wissens, sondern Beteiligung an der Produktion von Wissen, das ihnen zumindest potentiell Einfluss auf die Gestaltung ihres Umfeldes ermöglicht. Partizipatives Lernen geht damit weit über das hinaus, was üblicherweise unter Lernen verstanden wird. Wenn etwa in Agenda 21 Projekten recherchiert und „lokales Wissen“ zu aktuellen Themen produziert wird und wenn Kinder und Jugendliche in die Lage versetzt werden, Vorschläge für Veränderungen auszuarbeiten, die sie durch Recherchen begründet haben, dann ist das eine sehr anspruchsvolle Variante partizipativen Lernens. Wenn sie ihre Ergebnisse auch der öffentlichen Diskussion aussetzen, damit Denkanstöße geben und vielleicht auch zu konkreten Entwicklungen beitragen können, kann sich eine ganz neue Sichtweise von Lernen und Wissen eröffnen.

Durch einen derart hohen Grad an partizipativem Lernen wird die Bariere zwischen Schule und Umfeld niedriger. Schulische Arbeit kann zu einem Mittel werden, Ziele zu erreichen, die den Kindern und Jugendlichen wichtig sind und die auch im Umfeld der Schule Anerkennung finden.

Kontakt: Univ.-Prof.i.R. Dr. Peter Posch ist am Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung an der Universität Klagenfurt tätig. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Schulentwicklung, Qualitätsevaluation, Aktionsforschung und Umweltbildung. Dieser Beitrag basiert auf einem Interview mit ihm im Sommer 2005.
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 Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung


Zum Weiterlesen

Bohnsack, Fritz
Demokratie als erfülltes Leben
Bad Heilbrunn 2003, 454 S., EUR 25,-
Klinkhardt, 3-7815-1297-5
 
Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.)
Selbständig Lernen. Bildung stärkt Zivilgesellschaft. Sechs Empfehlungen der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung
Weinheim und Basel 2004, 240 S., EUR 17,-
Beltz Verlag
 
OECD
Umwelt, Schule und Handelndes Lernen
Frankfurt am Main [u.a.] 1993, 184 S., EUR 14,50
Lang, 3-631-47054-1
 
Posch, Peter; Rauch, Franz; Kreis, Isolde (Hg.)
Bildung für Nachhaltigkeit - Studien zur Vernetzung von Lehrerbildung, Schule und Umwelt
Innsbruck 2001, 297 S., EUR 24,50
Studienverlag, 3-7065-1481-8
 
Sliwka, Anne; Petry, Christian; Kalb, Peter E. (Hg.)
Durch Verantwortung lernen. Service Learning: Etwas für andere tun. 6. Weinheimer Gespräch
Weinheim und Basel 2004, 214 S., EUR 20,-
Beltz, 3-407-25353-2
 
Stübig, Frauke (Hg.)
Selbstständiges Lernen in der Schule
Kassel 2003, 89 S., EUR 7,-
University Press, 3-89958-027-3
 
Sturzbecher, Dietmar; Großmann, Heidrun
Soziale Partizipation im Vor- und Grundschulalter – Grundlagen
München 2003, EUR 29,90
Reinhardt, 3497016608
 
Sturzbecher, Dietmar; Großmann, Heidrun
Praxis der sozialen Partizipation im Vor- und Grundschulalter
München 2003, EUR 19,90
Reinhardt, 3497016616
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-11

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