Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Abfall – sprachlich betrachtet

In der Sprachgeschichte gibt es nur wenige Begriffe, die - vormals neutral - heute ausschließlich negativ besetzt sind. Beim Wort Müll sollte uns das zu denken geben, wenn wir Sprache auch als Gradmesser des Umgangs miteinander und mit unserer Umwelt sehen.

Müll bedeutete früher Staub, zerfallene Erde, Stoffe, die wieder in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden. Müll, in der alten Bedeutung, ist mit Erde verbunden (schwed.: mull = Erde). Im Torfmull, aber auch im Mulchen (Beete mit Schnittgut bedecken) ist dies noch erhalten.

Heute hat sich die Bedeutung von 'Müll' ins Gegenteil gekehrt. Müll ist vor allem das, was nicht mehr im natürlichen Kreislauf Platz hat und daher übrig bleibt. Müll ist heute ein Synonym für Abfall - Schmutz ist ein negativ besetzter Begriff, er steht im krassen Gegensatz zu Ordnung/Sauberkeit. Abfall stört, besonders so lange man ihn sieht. Ist er „entsorgt“, so haben wir auch keine Sorgen mehr – keine Sorge mehr für ihn zu tragen. Wir nützen einen Gegenstand so lange er funktioniert, so lange er etwas hergibt (Getränkepackung) danach wird er wertlos, lästig und wir wollen uns von ihm trennen: Aus den Augen, aus dem Sinn, so schnell es geht!

Gesucht sind: Wörter oder Redewendungen zum Thema Müll

Eine Aufgabenstellung für die SchülerInnen wäre es, eine Sammlung aller Wörter anzulegen, die mit Abfall, Schmutz oder Müll assoziiert werden: z.B. Gerümpel, Verschmutzung, Lärm, faulig, Dreck, unsauber, Staub, Deponie, alt, Hundekot, Vandalismus, Gestank …

Auch Redewendungen, die den Begriff Abfall, Müll, Unrat u.Ä. beinhalten, können auf ihre genaue Bedeutung geprüft werden: Sich abfällig über etwas/jemanden äußern
Unrat wittern – etwas Schlechtes, Unrechtes vermuten
So ein Mist!

Auch in der Literatur immer wieder ein Thema: der Müll

„Wenn sie ihre Stadt nur sauber hielten. Nun ist es zwar bei großer Strafe verboten, Kehricht in die Kanäle zu schütten, einen schnell einfallenden Regenguss ist`s nicht untersagt, allen in die Ecken geschobenen Kehricht anzurühren. In die Kanäle zu schleppen, ja schlimmer noch, in die Abzüge zu führen, die nur zum Abfluss des Wassers bestimmt sind, und sie dergestalt zu verschlammen, dass die Hauptplätze in Gefahr sind unter Wasser zu stehen. Wenn ein Tag Regenwasser einfällt, ist ein unleidlicher Kot. Alles flucht und schimpft. Das Wetter wird wieder schön, und kein Mensch denkt an Reinlichkeit.“
Goethe aus Venedig, am 9. Oktober 1786

Sauber ist schön und gut. Sauber ist hell brav lieb. Sauber ist oben und hier. Schmutzig ist hässlich und anderswo. Sauber ist doch das Wahre, schmutzig ist unten, übel, schmutzig hat keinen Zweck. Sauber hat recht. Schmutzig ist demgegenüber, sauber ist da denn doch, schmutzig ist wie soll man sagen, schmutzig ist irgendwie unklar, schmutzig ist alles in allem, sauber ist wenigstens noch, aber schmutzig das ist also wirklich.
Christian Enzensberger


Geeignet für alle Schulstufen ab 4. VS.


Zuletzt aktualisiert: 2012-06-20

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