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Zeitungsanalyse am Beispiel Klimawandel und gesundheitliches Risiko

Ereger der Beulenpest profitiert von der Erwärmung

Studienleiter: 'Eine Temperaturerhöhung von nur einem Grad Celsius kann zu einem 50-prozentigen Anstieg des Pestbakteriums führen'.

Oslo/Paris - Der derzeit zu beobachtende Klimawandel erhöht das Risiko von Pest-Epidemien. Zu diesem Schluss kommt ein Team von Wissenschaftlern in einem Beitrag des amerikanischen Wissenschaftsjournals PNAS. 'Eine Temperaturerhöhung von nur einem Grad Celsius im Frühjahr kann zu einem 50-prozentigen Anstieg des Pestbakteriums Yersinia pestis führen', erklärt Studienleiter Nils C. Stenseth von der Universität Oslo.

Durch ein neuartiges Datenverarbeitungsverfahren konnten die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten wärmerer und feuchterer Jahreszeiten mit dem Ausbruch von Epidemien in Zentralasien im 14. und 19. Jahrhundert nachweisen. Dies gelang mittels der Analyse von Baum-Jahresringen in Kasachstan. 'Die Auswertung der Jahresringe hat ergeben, dass der Ausbruch der beiden Pestepidemien mit den gleichen klimatischen Bedingungen einher gegangen ist - einem auffallend warmen Frühling sowie einem nassen Sommer', so Stenseth weiter.
 

Der Klimafaktor

Bisher konnten sich die Wissenschaftler das zum Teil jährlich schwankende Auftreten der Pestbakterien in Überträgertieren wie Ratten, Mäusen und Flöhen nicht schlüssig erklären. Die wissenschaftliche Berücksichtigung des Klimafaktors soll nun etwas mehr Licht ins Dunkel bringen. 'Das Klima spielt bei der Verbreitung der Pest mit Sicherheit eine Rolle', ist auch die Pestforscherin Elisabeth Carniel vom Insitut Pasteur in Paris überzeugt. So sei beispielsweise das diesjährige Auftreten von rund einem Dutzend Erkrankungsfällen in den USA auf die speziellen klimatischen Gegebenheiten in diesem Jahr zurückzuführen, meint Carniel.

Der Forscherin zufolge stellen klimatische Veränderungen nur einen von mehreren Faktoren dar, die zu einem Wiederauftauchen oder einer Ausbreitung der Seuche führen können. In einigen Regionen wie Algerien oder Indien, in denen die Pest nach Jahrzehnten erstmals wieder aufgetaucht und zu Erkrankungen geführt hat, sei die Seuche niemals ausgerottet gewesen und habe durch ihre vorübergehend geringe Verbreitung ein stilles Dasein geführt, so Carniel. Durch die fälschliche Annahme der Ausrottung habe man die Überwachung der Überträgertiere ausgesetzt, wodurch die Pest in einigen Fällen wiederum an den Menschen weitergegeben werden konnte. Die stärkere Verbreitung des Bakteriums wiederum könne durchaus mit klimatischen Begebenheiten in Verbindung gebracht werden, meint Carniel.
 

Epidemie in Europa unwahrscheinlich

Die Abschätzung eines möglichen Bedrohungsszenarios für Europa gestaltet sich allerdings schwierig. 'Eine neuerliche Pestepidemie erscheint nach unserem derzeitigen Wissensstand zumindest in Mitteleuropa als sehr unwahrscheinlich, da das ökologische System für die entsprechenden Trägertiere als ungeeignet gilt', gibt Carniel Entwarnung. Außerdem sei die Krankheit mittlerweile gut behandelbar. Die frühere globale Ausbreitung der Epidemie auch in Europa zeige allerdings, dass ein neuerliches Auftreten von Pestfällen in Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann, so Carniel. (pte)
 

Quelle

Artikel im Standard vom 28. August, 2006
 Standard - online
 
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-06

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