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Jugendengagement für Nachhaltigkeit

Krissy Venosdale_flickr_CC BY-NC-ND 2.0

Dass unsere Jugendlichen keine Generation verhinderter Spießer sei, war das Fazit einer weiteren Veranstaltung der FORUM-Vortragsreihe "Food for Thought - Vor-, Nach- und Querdenken zur Nachhaltigkeit". Sie beschäftigte sich mit dem Thema "Jugend-Engagement für Nachhaltigkeit".

 

 

Im Mittelpunkt des Vortrages in der angenehmen Atmosphäre des Kaisersaals der Klavier Galerie standen die Fragestellungen wo und wie die Beteiligung Jugendlicher am "Projekt Nachhaltigkeit" aktuell stattfindet, welche Unterstützung die Jugendlichen brauchen und ob sich das Engagement überhaupt lohnt. Es diskutierten Daniel Boese (Buchautor von "Wir sind jung und brauchen die Welt"), Claudia Kinzl (Geschäftsführerin Jugendumweltplattform JUMP) und Julia Rainer (Jugenddelegierte der offiziellen österreichischen Delegation zur UN-Konferenz Rio+20) gemeinsam mit dem Publikum, moderiert von Micha Poszvek.

Jugendliche - "eine Generation verhinderter Spießer"?

In seiner Einführung zeigte Peter Iwaniewicz vom Lebensministerium die Bedeutungsveränderung des relativ jungen Jugendbegriffs im Lauf der Jahre auf: Als Jugendliche werden heute Menschen zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr definiert, danach gelten sie als erwachsen. Die UN-Generalversammlung hingegen definiert Personen zwischen 15 und 25 Jahren als Jugendliche; es gibt jedoch die Unterscheidung Teenager (13 bis 19 Jahre) und junge Erwachsene (20 bis 24 Jahre).

1995 waren 18% bzw. 1 Milliarde der Weltbevölkerung Jugendliche, 85% davon lebten in Entwicklungsländern.

Dass Jugendliche und ihr Engagement für die Allgemeinheit oft unterschätzt werden, veranschaulichte Iwaniewicz mit einem Zitat aus einem Interview mit Philipp Ikrath (Senior Researcher am Institut für Jugendkulturforschung): Die Jugendlichen seien - so behauptete er - "eine Generation verhinderter Spießer [...]. Sie sehnen sich nach einem Leben mit heiler Familie, Haus im Grünen und Golden-Retriever-Welpen".
Tatsächlich haben die DiskutantInnen bei der Veranstaltung bewiesen, dass diese Aussage so nicht zutrifft. Im Gegenteil: Jugendliche setzen sich gerne und vermehrt für Umweltthemen ein.

Die "Klimakämpfer" und der Klimawandel oder "The elephant in the living room"

Daniel Boese bei "Go4Change", 24.10.2012, © FORUM Umweltbildung

Daniel Boese präsentierte sein Buch "Wir sind jung und brauchen die Welt": Er belegt dort, dass sich Jugendliche z.B. als "Klimakämpfer" für umweltpolitische Themen einsetzen und sogar oft Beruf und Studium hintanstellen. Auf der Grundlage der Ergebnisse seiner zweijährigen Recherche brachte er dem Publikum viele Beispiele aus der ganzen Welt dafür, dass Jugendliche etwas verändern wollen und auch können, z.B. mit Hilfe von Internet und Vernetzung. Flugzeug-Landebahnen wurden blockiert, Kohlezüge entführt und Kraftwerke lahm gelegt. Die KlimakämpferInnen errichteten Solaranlagen, Stadtgärten und pflanzten unzählige Bäume. "Fest steht, dass sich diese jungen Menschen durch ihre Proteste zwar keine Freunde machten, beim Protestieren, geht es letztendlich aber darum, Emissionen zu verhindern und die Menschheit vor dem Klimawandel zu retten", so Boese. Denn: "The elephant in the living room", das große Tier im Wohnzimmer, über das niemand spricht, sei der Klimawandel: Etwas, das so deutlich sichtbar ist, dass jede/r es eigentlich sehen müsste, aber immer noch zu oft ignoriert wird und nicht zur Sprache gebracht wird. Die "KlimakämpferInnen" versuchten mit ihren Aktionen auf den Klimawandel hinzuweisen und PolitikerInnen zum Umdenken und Handeln zu bringen. Boese meinte während seiner Recherchearbeit außerdem erkannt zu haben, dass es bei Klimakonferenzen leider nicht nur um den Klimawandel geht, sondern auch um Macht und Geldflüsse beteiligter Staaten.

"Einigung kann schwierig sein, aber auch möglich."

Julia Rainer bei "Go4Change", 24.10.2012, © FORUM Umweltbildung

Julia Rainer fungierte als eine von zwei Jugenddelegierten der offiziellen österreichischen Delegation auf der UN-Konferenz Rio+20 der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung vergangenen Juni in Rio de Janeiro. Rainer (siehe auch Jugendforum Rio+20) empfand den Verlauf der Konferenz als "aufregend, kurzzeitig frustrierend, aber auch als erfolgreich". Sie sieht diese Konferenz  immerhin als Anfang im Kampf für eine nachhaltigere Entwicklung, dennoch hätte sie sich größere Fortschritte erwartet. Sie und ihr österreichischer Kollege, Raphael Lueger, haben sich mit anderen Jugenddelegierten vernetzt, sich engagiert, gekämpft und sogar eine wichtige Festlegung zur außerschulischen Bildung durchgebracht.
Nach dieser für sie lehrreichen Konferenz möchte sich Rainer nun vermehrt freiwillig engagieren.

Erwünscht: Wertschätzung für freiwilliges Engagement

Claudia Kinzl bei "Go4Change", 24.10.2012, © FORUM Umweltbildung

Claudia Kinzl (JUMP) weiß, wann Jugendliche sich freiwillig engagieren: Wenn sie merken, dass sie gleichwertig behandelt werden und sich verstanden fühlen, dann engagieren sie sich gerne freiwillig. Junge Menschen wollen etwas Neues kennen lernen, sich beruflich orientieren, ein Netzwerk aufbauen und vor allem für ihr Engagement Wertschätzung bekommen - etwa mittels eines Teilnahmezertifikats. Anerkennung sei besonders wichtig für sie.

Freiwilliges Engagement von Personen im sozialen Bereich bei gleichzeitiger sozialversicherungsrechtlicher Absicherung wird in Österreich seit dem Frühjahr 2012 durch ein Freiwilligengesetz geregelt. Kinzl stellte dieses für Österreich neue Gesetz dem Publikum kurz vor: Es ist im Juni 2012 in Kraft getreten und beinhaltet u.a. Regelungen für das freiwillige Sozialjahr oder das freiwillige Umweltjahr. Junge Menschen ab dem vollendeten 17. Lebensjahr dürfen lediglich ein "Taschengeld" bis zur Geringfügigkeitsgrenze erhalten und sind gleichzeitig sozialrechtlich abgesichert durch Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung sowie den Weiterbezug der Familienbeihilfe. Das freiwillige Jahr ruht auf zwei Säulen: Bildungs-/Berufsorientierung und freiwilliges Engagement. Das freiwillige Umweltjahr bekommen die TeilnehmerInnen sogar mit 8 ECTS-Punkten honoriert: Es wird somit als Ausbildung angesehen. Für Kinzl wären zusätzliche Vergünstigungen, wie etwa Ermäßigungen für Öffentliche Verkehrsmittel, Kinotickets etc. für Personen, die sich freiwillig engagieren, eine Vision, die es noch umzusetzen gelte.

Für Jugendliche, die Projektideen im Bereich des Umweltschutzes entwickelt haben, denen aber noch das nötige Kleingeld fehlt, gibt es den "Micro:Project:Fund", ein Projekt der Jugend-Umwelt-Plattform in Kooperation mit dem FORUM Umweltbildung. Hierbei können Jugendliche ihre Projekte einreichen und 300 Euro Taschengeld bekommen, um eine Idee umzusetzen.

Abschlussdiskussion mit Kopfstand

Bei der anschließenden Diskussionsrunde hatte das Publikum die Möglichkeit Fragen zu stellen. Einige waren daran interessiert, wie man erste Impulse für das Engagement von Jugendlichen für ein Umweltthema setzt.

Laut Kinzl entsteht der Wunsch sich selbst zu engagieren oft daraus, jemand anderen zu kennen, der sich bereits freiwillig für eine Sache einsetzt.

Weiteres hat man in Schulen sehr gute Möglichkeiten etwas zu verändern bzw. zu initiieren, indem man eine Art Ist-Zustand herausarbeitet und sich überlegt, was man bezogen auf ein Umweltthema an der eigenen Schule verbessern kann. Was verbrauchen wir an Energie? Was wäre ein erstrebenswerter Soll-Zustand? Wie können wir den Energieverbrauch nachhaltiger gestalten? So gerät meistens ein Stein ins Rollen und ein nachhaltiges Fundament ist gesetzt.

Mit der vom Moderator vorgestellten Kopfstandmethode - welche natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist, wie einige DiskutantInnen am eigenen Leibe erfahren durften - fällt das erste "Brainstorming" oftmals leichter: Dabei wird überlegt, wie das Gegenteil des gewünschten Effekts funktionieren könnte. So zum Beispiel, was passieren müsse, damit Jugendliche sich nicht mehr freiwillig engagieren?

Abschließend betonten die DiskutantInnen, dass es ausschlaggebend sei, Jugendliche bei für sie wichtigen Anliegen zu unterstützen. Sie zu einem Projekt zu zwingen, führe meist in eine Sackgasse. Nur wenn man sie von ihren derzeitigen Interessensgebieten abhole, engagierten sie sich gerne. Dabei müsse das erste Projekt möglicherweise gar kein unmittelbares Umweltthema betreffen, sondern könnte beispielsweise "nur" eine selbstgebaute Skater-Rampe sein. In erster Linie sei aber wichtig, dass die Jugendlichen lernen, etwas zu bewegen, aus eigener Kraft ein Ziel zu erreichen und etwas verändern zu können. Damit sei der Weg für weiteres Freiwilligenengagement geebnet.

Jasmin Rouhani

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Zum Weiterlesen

Daniel Boese: Wir sind jung und brauchen die Welt. Wie die Generation Facebook den Planeten rettet.
oekom verlag, München 2011. 256 S., EUR 14.95 ISBN 978-3-86581-252-0


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