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Nachlese: Präsentation Jahrbuch BNE "Neue Ziele"

Podiumsdiskussion © Christoph Gruber
© Christoph Gruber

Ein Bericht zur Präsentation des neuen Jahrbuchs Bildung für nachhaltige Entwicklung, im Rahmen der Podiumsdiskussion mit dem Thema „SDGs vermitteln“ am 01. Juni 2017 an der Universität für Bodenkultur in Wien.

Anlässlich des 3. BOKU Nachhaltigkeitstages und des Tages des Lehrens und Lernens fand die Präsentation des Jahrbuchs BNE „Neue Ziele“ statt. Diese thematische Kombination wurde mit der Podiumsdiskussion „SDGs vermitteln“ erfolgreich umgesetzt. Die DiskussionsteilnehmerInnen waren Heidi Grobbauer, Leiterin des Studiengangs Global Citizenship Education, Heidi Huber vom Forum Umweltbildung, Biorama-Chefredakteur Thomas Stollenwerk und Andreas Melcher, Departmentleiter des Center for Development Research der BOKU.

© Christoph Gruber
© Christoph Gruber

Die SDGs sind Teil einer neuen Agenda der vereinten Nationen mit dem anspruchsvollen Titel „Transforming our World“. Aber unterscheiden sie sich überhaupt von vorherigen Strategien wie den Millenniums-Entwicklungszielen? Und verdienen es die SDGs, in der Bildungsarbeit besonders gewürdigt zu werden? – Das Podium war sich einig, dass die SDGs der Umweltbildungsarbeit inhaltlich nur wenig neue Inspiration liefern könnten. Allerdings haben die Ziele dennoch eine wichtige Funktion: sie schaffen einen „internationalen Bezugsrahmen“, der es Bildungsträgern ermöglicht, ihre Arbeit zu Themen der Nachhaltigkeit gegenüber Fördergebern zu legitimieren. Die SDGs zielen ab auf einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel zur Nachhaltigkeit. Eine Entwicklung, die bisher in keinem Land abgeschlossen ist. Bildung sei vor allem mit Blick auf Ziel Nummer 17, welches eine umfassende gesellschaftliche Zustimmung als Voraussetzung des Wandels fordert, unerlässlich.

Die SDGs haben also im Bildungsbereich politisches Gewicht. Aber welchen Stellenwert verdienen die SDGs im Unterricht? Sollten sie zum Beispiel als eigenes Thema behandelt werden, sodass Lernende die 17 Ziele kennen und benennen können?

Die Diskussion ergab vor allem, dass die SDGs als miteinander im Zusammenhang stehend betrachtet werden sollten. Auch wenn sie sehr unterschiedliche Themen abdecken – vom Schutz der Meere bis zur Gleichberechtigung von Frau und Mann – so sind sie dennoch nicht isoliert zu erreichen. Problematisch sei, dass sich viele Lernende eine „Silo-Mentalität“ angewöhnten und eine solche Denkweise durch die SDGs verstärkt werden kann, wenn die Zusammenhänge und Konflikte zwischen einzelnen Zielen nicht ausreichend thematisiert werden. Ein Widerspruch besteht beispielsweise zwischen Ziel 8 (Dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern) und ökologischen Zielen (Klimaschutz, Schutz der Biodiversität). Solche Konflikte sollten in der Bildungsarbeit aber nicht ausgeblendet oder heruntergespielt werden: sie zu kennen ist eine zentrale Voraussetzung dafür, die Notwendigkeit für gesellschaftliche Veränderung zu verstehen – im Gegensatz zur Fortführung genau der Entwicklungen, welche zu enormen globalen Ungerechtigkeiten geführt haben.

Hieran anknüpfend wurde wiederholt festgestellt, dass es sich bei den SDGs um eine politische, von Konflikten geprägte Agenda handelt. Die warf die Frage auf, wie Lehrende die politischen Dimension der SDGs aufgreifen sollten: über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels zu informieren ist schließlich etwas durchaus anderes, als eine Klassendiskussion zum Thema Klimagerechtigkeit zu führen. Diese Frage blieb zunächst unbeantwortet, verdeutlichte aber die Schwierigkeiten dabei, politische Themen neutral zu vermitteln.

© Christoph Gruber
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Kontrovers wurde die Frage behandelt, wie stark Handlungsmöglichkeiten auf individueller Ebene thematisiert werden sollten. Sollte die Eigeninitiative der Lernenden für die Erreichung der SDGs eingefordert werden? Individuelle Lösungsansätze aufzuzeigen, ist schließlich ein häufig verfolgter Ansatz, wenn die Themen Klimaschutz, fairer Handel oder Schutz der Biodiversität in der Bildungsarbeit aufgegriffen werden. Diese Themen in Bezug zu setzen zum eigenen Alltag mache sie greifbar und für die Lernenden relevant, so die Meinung. Problematisch ist aber, dass bei solchen Ansätzen die politische Dimension, ohne die tiefgreifende Veränderungen unmöglich sind, oft nicht betrachtet wird: meist geht es nur noch um das individuelle Konsumverhalten. Indem Probleme auf die individuelle Ebene heruntergebrochen werden, werden die Komplexität globaler Zusammenhänge und die Rolle einflussreicher politischer und wirtschaftlicher Interessen ausgeblendet.

Entscheidend sei, die Lernenden auch in ihrer Rolle als (zukünftige) BürgerInnen zu adressieren und sie darauf vorzubereiten, politische Prozesse mitzugestalten. Neben der Bereitschaft, nur noch recyceltes Toilettenpapier zu kaufen, sollte bei den Lernenden vor allem die Motivation dafür gefördert werden, politische Institutionen des eigenen Landes zu beeinflussen. Der Leitsatz „global denken – lokal handeln“ sei demnach um einen Schritt zu erweitern: global denken – national analysieren – lokal handeln!

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es viele Möglichkeiten noch ungenutzt sind, die Erwachsenen von morgen so auszubilden, dass sie sich für eine gerechtere Welt einsetzen wollen und können. Veränderungen müssen aber auch von denen ausgehen, die heute die Entscheidungen treffen. Denn was Bildung erreichen kann, hängt sehr stark davon ab, welche Bildung die Gesellschaft fördert und fordert.

Text: Annika Rummer

Buchcover © FORUM Umweltbildung

Neue Ziele. Jahrbuch Bildung für nachhaltige Entwicklung
Global Goals, Kunst & BNE, Orte der Bildung, Jugendbeteiligung.
FORUM Umweltbildung, Wien 2017.
224 Seiten, € 10,-
ISBN 978-3-900717-89-6

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