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Food for Thought: Neue Gartenfreuden in der Stadt

Christa Müller, Herausgeberin des Buchs „Urban Gardening – Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ – klärt uns über den Ursprung dieser neuen Leidenschaft auf. 

Egal ob im Josefstädter Tigerpark, in der Heigerleinstraße in Ottakring oder im 8 m2 großen Gärtchen im margaretner Einsiedlerpark – der Gemüsegarten ist in die Stadt zurückgekehrt. Aus Mangel an unversiegelten Flächen müssen dazu nicht selten ungewöhnliche Orte herhalten. Dabei zeigt sich: Der Garten als weltabgewandtes Refugium ist ein Phänomen von gestern. Die neuen StadtgärtnerInnen wollen sich nicht zurückziehen in den eigenen Garten und abgeschottet von fremden Blicken ihre Paradeiser ziehen. Beim Urban Gardening geht es vielmehr darum, gemeinschaftlich und im öffentlichen Raum tätig zu werden. Christa Müller diskutierte im Rahmen der FORUM-Veranstaltungsreihe "Food for Thought: Vor-, Nach- und Querdenken zur Nachhaltigkeit am 23.04.2012 im Musikzimmer der Diplomatischen Akademie mit zahlreichen interessierten TeilnehmerInnen.


Christa Müller bei "Urban Gardening", 23.04.2012

„Gärten sind Orte, die zum Selbermachen anregen, die nicht vordefiniert sind in einer durch und durch verregelten Gesellschaft und die auch im geistigen Sinne Freiräume schaffen, die die Kreativität anregen“, erklärt Christa Müller das Phänomen. Wie sie in der Vortragsreihe „Food for Thought“ des FORUM Umweltbildung unlängst darlegte, ist Urban Gardening als eine kosmopolitische Öffnung zu verstehen, die explizit alle Interessierten teilhaben lassen will. Der Gegensatz Stadt/Land bzw. Gesellschaft/Natur gerät beim Gärtnern in der Stadt ins Wanken: Freiräume für Natur schafft man sich dort, wo man lebt, anstatt raus ins Grüne zu fahren, wenn es die Zeit zulässt. 
Auch die Unterscheidung analog/dialog wird stellenweise aufgehoben, da Ideen wie Open Source aus der digitalen Welt Eingang ins Analoge finden. Müller: „Analoge und digitale Bereiche des Selber-machens greifen immer mehr ineinander: Vieles, was als Idee wie zum Beispiel Open Source aus dem Internet kommt, wandert in die analoge Welt des Gartens oder der Werkstatt ein und bestimmt dort die Art und Weise des Umgang miteinander.”

Back to nature - why?

In dem Buch „Urban Gardening - Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ (oekom verlag München, 2011) zeichnen die AutorInnen ein buntes Bild verschiedener Formen von Stadtgärten und spüren der Lust der StädterInnen am Gärtnern im öffentlich sichtbaren Raum nach. So diagnostiziert Christa Müller etwa eine Sehnsucht danach, mit den eigenen Händen zu arbeiten und sich zugleich von vorgegebenen Konsummustern mit vorgefertigten Produkten abzusetzen. 

Mocando Nachbarschafts- und Recyclegärten in Wien Foto: Elke Krasny

Diese Haltung knüpft an die Bewegung des „Do-it-yourself“ an, die das „selber machen“ propagiert und von Eigeninitiative und Improvisation geprägt ist: „Was wir hier beobachten, das ist eigentlich ein gesellschaftlicher Wandel eines Ausmaßes, das man nicht unterschätzen sollte. Es ist eine Verschiebung der Statussymbolik hin zu postmateriellen Werten. Selber machen, selber anbauen: Das bedeutet eben, nicht nur weniger fremdbestimmt zu konsumieren, sondern zugleich auch einen eigenen individuellen Ausdruck zu finden in den Produkten und sich markant abzusetzen gegenüber den Industrieprodukten, die ja komplett vorgefertigt sind und auf die man keinen Einfluss hat,“ so Christa Müller. Zudem vermutet sie, dass die Individualisierung, die in vielen Bereichen der industriellen Gesellschaften bereits ein wohl bekanntes Phänomen ist, zu Vereinsamung führt und auch die zunehmende Virtualisierung von zwischenmenschlichem Kontakt das Bedürfnis nach realer Begegnung – z.B. mit Menschen aus der Nachbarschaft – fördert.
Hinzu komme ein gestiegenes Bewusstsein für Ressourcensparsamkeit und Klimaschutz, das Gärtnern in der Stadt nicht aus Armut – wie nach dem zweiten Weltkrieg –, sondern aus Gründen der Nachhaltigkeit für immer mehr Menschen interessant mache.

 

Ma Shi Po Village, New Territories in Hongkong Foto: Shu Mei Huang

Ist Urban Gardening nur ein kurzer Hype?

Die Autorin Christa Müller glaubt nicht, dass Urban Gardening eine Modeerscheinung ist und sagt dem Trend u.a. deshalb eine Zukunft voraus, weil die Nahraumnutzung zur Selbsternährung angesichts der drohenden globalen Ressourcenknappheit immer mehr Gewicht erhalten werde. Auch an aktuellen Planungsszenarien könne man erkennen, dass hier etwas in Bewegung geraten sei: So haben etwa die Planer des Stadtteils Agropolis, der im Westen der bayerischen Hauptstadt München entstehen könnte, ein weitreichendes Konzept entwickelt, das zeigt, wie aus einem Stadtteil mit 20.000 EinwohnerInnen ein Ort landwirtschaftlicher Produktion werden könnte.

In diesem Sinne: Wenn sie in Wien jemanden sehen, der in einer ehemaligen Hundezone, auf einem brachliegenden Stück Land zwischen zwei Häusern oder auf einem Parkplatz in der Erde buddelt oder gar schon Salat erntet, wundern Sie sich nicht: Denn gegärtnert wird jetzt auch mitten in der Stadt. 

Sophia Garczyk

 


Buch: 
Christa Müller: „Urban Gardening - Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“, oekom verlag, München 2011. 352 S., ISBN 978-3-86581-244-5 EUR 19,95 
Urban Gardening

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„Design Wars“: Gefahr oder Lösung zukünftiger Nachhaltigkeit?

DesignstudentInnen werden darin trainiert und DesignpraktikerInnen dafür entlohnt, Produkte für die Wegwerfgesellschaft zu entwickeln. Wie lässt sich das ändern? Zweiter Teil der FUTURE LECTURES Serie.

Termin: 28. November 2017, 18:00 - 20:00
Veranstaltungsort:
FH Salzburg/Campus Kuchl, Markt 136a, 5431 Kuchl, Raum E17

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